Die Zukunft der Psychoanalyse hängt davon ab, inwieweit sie ein ähnliches Interesse für gesellschaftliche Fragen entwickeln kann, wie es der ersten Generation der Psychoanalytiker gelang.

(A. Mitscherlich)

WUNDERBLOG RSS Feed

www.wunder-blog.de Blog Feed

Selbstwissen
>> mehr lesen

Psychoanalyse und Affekttheorie – Zum aktuellen Buch "Affektökologie" (2017) von Marie-Luise Angerer
>> mehr lesen

Camoufleur der Großstadt – der Künstler Xavier Krilyk
>> mehr lesen

Die Formung des Menschen durch Text
>> mehr lesen

Sprachlose Medizin - Über den Wandel eines Berufsbildes
>> mehr lesen

Rätsel Placeboeffekt - steuert Sprache die Biochemie unseres Körpers?
>> mehr lesen

Unbekanntes Wissen
>> mehr lesen

Warum Kernberg irrt - zur Debatte um die Modernität von Psychoanalyse
>> mehr lesen

Das Böse im Bild
>> mehr lesen

Was will Merkel? Führung mit dem kleinen Unterschied
>> mehr lesen

Freud und Leid der Psychoanalyse
>> mehr lesen

Was ist psychoanalytisches Arbeiten in Unternehmen und anderen Organisationen?
>> mehr lesen

Was schützt vor der Macht der Vorurteile?
>> mehr lesen

Das Unbewusste im Unternehmen ist doch Science Fiction, oder?
>> mehr lesen

Unternehmen mit Frauen
>> mehr lesen

Selbstwissen

Was haben Adam und Eva, Ödipus, Alkibiades und Freuds Patientinnen gemeinsam?
Was haben Adam und Eva, Ödipus, Alkibiades und Freuds Patientinnen gemeinsam?

Das Wissen vom Selbst ist wie ein Mosaik. Bevor es an die Zusammensetzung einzelner Teile geht, müssen diese überhaupt erst als zusammengehörig gedacht werden können. Diese Verknüpfungen vollziehen sich nicht selten anhand von Überraschungen, Verwirrungen, Irrtümern und ähnlich realen Erfahrungen des Selbstverlusts. Daher wird für das Selbstwissen allem das Scheitern des Menschen am Versuch, etwas über sich selbst wissen zu können, relevant. Es hebt sich damit von den gängigen Tipps aus der Ratgeberliteratur ab, die weismachen, dass sich der Einzelne mit allen Schwächen und Macken nur mutig anerkennen müsse, um zu sich selbst zu finden.

 

Solchen vereinfachenden Zugängen zum Selbst misstrauen zu wollen, ist auch der Unvoreingenommenheit geschuldet, die Voraussetzung dafür ist, damit sich der Fokus der Aufmerksamkeit gerade nicht an jene Objekte bindet, die mit Gewissheit immer schon darauf setzen konnten, als erste erkannt und besetzt zu werden. Das Selbst infrage zu stellen, heißt ja auch, in dieser zentralen Frage mit einer irritierenden Ungewissheit leben zu können. Wissen ist daher das zentrale Register für die Auseinandersetzung mit dem, was wir so selbstverständlich unser »Selbst« nennen und von dem wir doch eher wenig als viel zu wissen scheinen.

 

Doch wie kann das Ich zu einem Wissen vom Selbst finden und was sind die Grundbedingungen des Wissenwollens? Diesen Fragen widmet sich der Essayband Selbstwissen in der Reihe Kleiner Stimmungsatlas des Textem Verlags. Der Band untersucht die Frage anhand einer phänomenologischen Lektürepraxis von vier Grundnarrativen der abendländischen Kulturgeschichte.

So koppelt der christlich-jüdische Mythos um Adam und Eva des Alte Testaments den Weg zum Baum der Erkenntnis an die Verführung zur Neugierde. Der Genesis ist überdies zu entnehmen, dass Wissen mit der Fähigkeit zu tun hat, Unterscheidungen treffen zu können, und dass die Anfänge des Wissens in einem Verbotsübertritt zu finden sind.

 

Die Möglichkeit des Fragens in ihrer ersten Ausformung (»... nur nicht die Früchte von diesem Baum?«) unterliegt allerdings dem dringenden Verdacht eines listigen Manipulationsversuchs. Das Stellen von Fragen, verstanden als ein Instrument der Wissensgenese, wird auch zum Mittel der Wahl, mit dem Sokrates im Symposion einen Paradigmenwechsel einleitet. Etwas Wahres über Eros zu sagen, erweist sich dabei als unlösbare Aufgabe. Denn die epistemologische Wunderwaffe des Fragenstellens ist im Vergleich zur Lobrede nicht weniger suggestiv. Die Tatsache, dass das Fragen ein hierarchisches Gefälle bewirkt, unterminiert zudem die redliche Absicht der Wahrheitssuche. Das Fragenstellen kann schnell zum Fallenstellen werden, bahnt aber auch der Klugheit den Weg wie im Garten Eden.

 

Zwar sensibilisiert der Mythos von der Vertreibung aus dem Paradies dafür, dass es unter Umständen besser wäre, auf Selbstwissen zu verzichten wie das instinktbegabte Tier, unterdessen scheint Menschsein überhaupt wohl nur um den Preis des Selbstwissens möglich, auch wenn es wie bei Ödipus ein das Selbst vernichtendes Wissen ist. Ödipus Schicksal verwundert so sehr, da nur ein genialer Geist wie er imstande war, das Rätsel der Sphinx zu lösen.

 

Ödipus, aber auch Alkibiades – diese beiden Figuren der Literaturgeschichte –, stehen gleichermaßen für Eros und Wissenslust, aber auch für einen merkwürdigen Wissensrückstand. Das Zurückbleiben der Ichentwicklung gegen die Libidoentwicklung wies Freud als wesentliche Bedingung der Neurose aus. Das Ich passt sich einer neurotischen Struktur an, die sich durch allerlei Ersatzbildungen rechtfertigt und bewahrt.

 

Aber was weiß das Ich schon von seiner Selbststruktur? Auch Ödipus hat den Mord an seinem Vater sowie das mütterlich Inzestuöse seiner Partnerwahl »sehend nicht gesehen«. Der Zweifel diente ihm weniger als nützliches Instrument der Neugierde und des Wissenwollens, sondern erfuhr seine Entgrenzung in fatalen Handlungen und paranoiden Wahnvorstellungen. Ein allgemeines menschliches Phänomen, bei dem die Außenwelt per se verdächtig erscheint, während sich das Ich im Mittelpunkt feindseliger Aktivitäten wähnt.

 

In diesen Fällen, in denen Liebe urplötzlich in Hass umschlägt, ist die Ichveränderung in vollem Gang, und es wäre viel gewonnen, lässt Freud uns wissen, wenn sich das Ich davon überzeugen ließe, dass sein harsches Urteil nichts weiter darstellt als eine Ersatzbildung für Selbstwissen. Andererseits ist es eine Fähigkeit des Ichs, Selbstwissen auch in solchen Ersatzbildungen zu vermuten, deren Relevanz rein faktische Ansprüche ans Selbstwissen übertrifft.

 

Die Konzeption des Selbstwissens gewinnt hier eine weitere Nuance hinzu, soweit es gelingt, von diesen Ersatzbildungen ausgehend jene Ichveränderung zu ermessen, die den Abstand zu einem »fiktiven Normal-Ich« (Freud, Die endliche und die unendliche Analyse, S. 80) ausmacht. Hierunter versteht Freud eine »Idealfiktion« des Ichs, mit dem der Analytiker den Pakt der analytischen Arbeitsbeziehung schließt und von dem er hofft, dass es »der analytischen Arbeit unerschütterliche Bündnistreue zusichert.« (Ebd., S. 85)

 

Dabei geht es weniger um die Vorstellung eines irgendwie bestimmbaren »normierten« Ichs, sondern um die Annahme, dass es in jeder Ich-Organisation so etwas wie eine konstruktive Instanz gibt, die über alle Widerstände hinweg an Selbstwissen interessiert bleibt. Sich mit dieser Kraft zu verbünden, scheint die Voraussetzung für die Wiederherstellung eines Begehrens zu sein, das die Einhaltung der analytischen Grundregel garantiert.

 

Denn es ist das Begehren, das die Kette der Signifikanten im Fluss hält und den Austausch zwischen Individuen motiviert. Im Anschluss an Lacan spricht Malcolm Bowie daher vom Begehren als ein sich unablässig in Bewegung befindlicher und nie zur Ruhe kommender Dynamo, der alle Sprechhandlungen und jede Sprachverweigerung sowie alle bewussten oder unbewussten psychischen Vorstellungen antreibt. (Bowie, Lacan, S. 117)

 

Worauf Lacans Begrifflichkeit (mehr noch als Freuds) abzielt, ist der Umstand, dass es in der menschlichen Sexualität etwas gibt, das selbst im Moment der Befriedigung noch unbefriedigt bleibt, während Wünsche durchaus erfüllt werden können. Dieser Aspekt tritt auch schon in den frühen Fallgeschichten Freuds zutage. Die Krankenerzählungen lenken den Blick auf die Ersatzbildungen des Selbstwissens, und sie zeigen, wie sich das schwer zu erschließende Wissen vom Selbst meist an einem anderen Schauplatz öffnet, d.h. wie es sich in Gestalt von Kompromissbildungen und Symptomen offenbart, als welche auch Fetische verstanden werden können.

 

Am Fetischismus lässt sich erahnen, wie das Ich um die verschiedenen Bedeutungen der Ersatzbildungen des Wissens weiß, dieses Wissen jedoch vor sich selbst und seinem Umfeld zu verbergen versteht. Fetische funktionieren bekanntlich wie Tarnsymbole: Sie bewahren die Stabilität ihrer inhärenten Konstruktion und können, etwa im Falle ihrer Erosion, an anderer Stelle und in neuer Form wiederauferstehen. Hierher gehört auch das Feigenblatt, das sich die ersten Menschen um die Lenden binden und das eine plötzlich erkannte Differenz wieder aus der Welt schaffen soll – zugleich aber durch sein Vorhandensein überhaupt erst auf diese verweist.

 

Fetische dienen zumal dazu, die Vorstellung eines Mangels zu kompensieren; sie sind ein Beispiel für den kompensatorischen Umgang mit dem Abwesenden, Mangelhaften und Defizitären – eine Alltagserfahrung, deren Merkmal darin besteht, dass wir nicht das zu sehen bekommen, von dem unser Wissen ausgeht. Nur der adamitische Mensch war in der komfortablen Lage, sein Dasein eine Zeit lang ohne die Vorstellung des Mangels fristen zu können. Doch muss man sich die beiden nicht auch ohne Paradies als ein glückliches Paar vorstellen? Sie sind nun unterschiedlich, während sie zuvor bloß verschieden waren, formulieren eigene Positionen und lösen unterschiedliche Aufgaben: Eva bringt Kinder zur Welt und Adam widmet sich Ackerbau und Viehzucht. Abseits der Mühen immerhin eine Selbständigkeit in Gemeinschaft - was will man mehr?

 

Ödipus hingegen ist nach der Aufklärung seines Verbotsübertritts ganz auf sich selbst zurückgeworfen: Er ist die Antwort auf alle seine Fragen. Sein hart errungenes Selbstwissen kann ihm nicht nutzen, denn es führt stets zu ihm selbst zurück und trennt ihn dadurch von der Gemeinschaft, weshalb er seine Macht und die Anerkennung durch die anderen verliert. Ödipus, der das Rätsel der Menschheit zu lösen imstande war, erweist sich mit Blick auf sich selbst als ein vergeblich Wissender.

 

Auch Freud war es gegeben, elementare Menschheitsrätsel aufzuklären: Er fand eine kohärente Theorie zur Deutung von Träumen, an der sich die Menschheit über Jahrtausende hinweg versucht hatte. Er löste das Rätsel der Hysterie, indem er das traditionelle Bild vom Arzt, der kraft seines Fachwissens heilt, verabschiedete und das Objekt der Untersuchung, den Patienten, zur Quelle der Einsicht in ein anderes Selbst machte. Er erkannte, dass Menschen ihr Wissen vom Selbst durchaus mitteilen, es jedoch selbst nicht hören. Das Subjekt auf Selbstsuche braucht einen anderen, der zuhört und das Gehörte hier und da übersetzt und hilft, es neu zu verknüpfen. So ergab sich eine Form der Artikulation, die Mittelglieder hörbar werden lässt, die zu einem anderen Wissen vom Selbst führen.

Moritz Senarclens de Grancy