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Mo

28

Sep

2015

Differenzdenken

Der Zusammenhang kann die Brisanz von Mitteilungen relativieren - zumindest solange, bis neue Details auftauchen. Bild Facebook
Der Zusammenhang kann die Brisanz von Mitteilungen relativieren - zumindest solange, bis neue Details auftauchen. Bild Facebook
Für die Untersuchung von Objekten hat die Bedeutung von Zusammenhängen hohe Relevanz. Wer sich mit Fragen der Wissensvermehrung befaßt, kann etwa wie Linné für die Pflanzenwelt Unterscheidungen herausarbeiten und Begriffe zuordnen sowie Ähnlichkeiten suchen und diese in Zusammenhängen darstellen. In der Regel geht man nicht vom isolierten Objekt aus, sondern stellt es – wie auch in der Archäologie – in den Fundzusammenhang. In der Kunstgeschichte hat sich die vergleichende Bildbetrachtung etabliert, ein Verfahren, das zu Erkenntniszwecken methodisch bewusst auf eine Erweiterung des Bezugsrahmens setzt. Auch Freud bedient sich dieser Techniken immer dort, wo er mit Vergleichen argumentiert. Methodisch geht es darum, ein Objekt im differenten Wechselspiel mit anderen Objekten erkennbar zu machen. Dieser Prozess berührt auch das Feld der Metapher, insoweit sie ebenfalls den Zusammenhang einer Rede trennen und eine neue Verbindungen herstellen. Mit der Folge, dass ein Aspekt aus einer neuen Perspektive beleuchtet wird. Anders als die Psychoneurosen fungiert die Metapher gewissermaßen als ein außerklinisches Beispiel für ein zu lösendes Rätsel im menschlichen Dasein. Die Strukturdynamik der Metapher trägt ihrerseits zu einem Verständnis der Denkfiguren Freuds bei (vgl. MSG 2015). Dabei ist es aus metaphertheoretischer Sicht relevant, dass sich diese Kontextualisierungen niemals ohne den teils kalkulierten, teils intuitiv vollzogenen Abbruch des Denkzusammenhangs anbahnen. Bekannt geworden sind Freuds rhetorisch kunstvoll eingeführte Unterbrechungs- und Wiederherstellungsprozesse seiner großen Werke. Dass es sich hierbei um eine unwillkürliche Art des schreibenden Denkens handelt, offenbart unter anderem die Korrespondenz mit Fließ, wovon Freuds Brief vom 3. Januar 1899, kurz vor der Fertigstellung der Traumdeutung, zeugt: „Gestern wurde ich müde und heute kann ich in der beabsichtigten Richtung nicht weiter schreiben, weil die Sache wächst. Es ist etwas daran. Es dämmert. In den nächsten Tagen kommt sicherlich noch etwas dazu. Ich schreibe Dir dann, wenn es durchsichtig geworden ist. Ich will Dir nur verraten, daß das Traumschema einer allgemeinen Anwendung fähig ist, daß im Traum wirklich der Schlüssel mit zur Hysterie liegt. Ich verstehe jetzt auch, warum ich den Traum trotz aller Bemühungen nicht abgeschlossen habe. Wenn ich noch ein Stück warte, kann ich den psychischen Vorgang im Traum so darstellen, daß er mir den Vorgang bei der hysterischen Symptombildung miteinschließt. Also warten wir.“ Die Unterbrechung ist nicht nur ein stilistisches Mittel, um das Interesse des Brieffreundes zu binden, sondern ein intuitiv vollzogener Akt zur Vertiefung in den Untersuchungsgegenstand. Das Abbrechen der Gedankenkette und das Vermögen, das Nachdenken ruhen zu lassen, scheinen Notwendigkeiten darzustellen, an denen sich exemplarisch eine ganz eigene Form des intellektuellen Umgangs mit dem Material abzeichnen, wie sie für Psychoanalyse exemplarisch zu sein scheint. Zum einen muss man aushalten können, die Lösung eines Problems aufzuschieben und die Aufmerksamkeit auf ein anderes Problem umzulenken, um später gegebenenfalls dorthin zurückzukehren. Zum anderen verlangt dieser Umgang mit Gedanken Einsicht in den Nutzen von vorläufigen und unvollkommenen Theorien. Interessant erscheint daher die Frage, an welchem Punkt des Denkens sich eine Unterbrechung des Gedankengangs epistemisch nutzbringend auswirkt. Aus psychoanalytischer Sicht fällt die Antwort nicht schwer: Die Unterbrechung bietet sich an, wenn sich die Suche nach einer Lösung im Bewussten erschöpft hat und neue Hinweise aus dem Unbewussten nötig sind. MSG

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