WUNDERBLOG RSS Feed

www.wunder-blog.de Blog Feed

Die Formung des Menschen durch Text (Mo, 28 Dez 2015)
>> mehr lesen

Sprachlose Medizin - Über den Wandel eines Berufsbildes (Mo, 21 Dez 2015)
>> mehr lesen

Rätsel Placeboeffekt - steuert Sprache die Biochemie unseres Körpers? (Mo, 14 Dez 2015)
>> mehr lesen

Unbekanntes Wissen (Mo, 07 Dez 2015)
>> mehr lesen

Warum Kernberg irrt - zur Debatte um die Modernität von Psychoanalyse (Mo, 30 Nov 2015)
>> mehr lesen

Das Böse im Bild (Mo, 23 Nov 2015)
>> mehr lesen

Was will Merkel? Führung mit dem kleinen Unterschied (Mo, 16 Nov 2015)
>> mehr lesen

Das Werden des Analytikers

In einem Brief an Oskar Pfister aus dem Jahr 1913 bekennt Sigmund Freud, dass die Mehrzahl der Ärzte für die Ausübung der Psychoanalyse nicht ausgerüstet sei und in ihrer Würdigung völlig versage. Was es braucht, ist psychologische Vorbildung und einen freien menschlichen Blick.

 

WUNDERBLOG greift in dieser Rubrik das Thema auf und fragt: Auf was kommt es beim Analysieren eigentlich an? Wie gestaltet sich das Werden von Analytikern? Und was legitimiert eigentlich zum psychoanalytischen Arbeiten?

Wer sich in Deutschland für den Beruf des Psychoanalytikers interessiert, absolviert üblicherweise eine sog. "Lehranalyse" an einem einschlägigen Ausbildungsinstitut. Voraussetzung hierfür ist ein abgeschlossenes Studium in Psychologe oder Medizin. Bewerber mit Abschlüssen anderer Fachrichtungen werden von den Instituten nicht aufgenommen.


Was so seit langem Normalität ist, erscheint dennoch merkwürdig. War es nicht gerade Freuds Unzufriedenheit mit dem mangelnden Verständnis der Medizin für alles Seelische, was das Hauptargument für die fachliche Unabhängigkeit von Psychoanalyse lieferte? 


In der Tat war das Interesse der Psychoanalyse von Anfang an interdisziplinärer Art. Freuds Psychoanalyse nahm es immer schon mit der Universalität des Wissens auf. Sofern gibt es keinen überzeugenden Grund, irgendeine Disziplin vom Zugang zum Beruf des Analytikers fernzuhalten.


Mit Blick auf die Ausbildung zum Analytiker geht es nicht um die Vermittlung eines spezifischen Fachwissens oder Methodenkanons, sondern um die Einübung in den Umgang mit Wissensprozessen, die ihre Bezugspunkte im Unbewussten haben. Dabei ist das Medium des Unbewussten das Sprechen. Denn das neue Feld, das Freud in die Psychiatrie eingefügt hat, ist das der Sprache. Analytiker sind daher auch geübt darin, auf das Sprechen ihrer Analysanten zu hören und es zu stützen. Sie hören ihnen in der Gewissheit zu, dass sie stets mehr sagen, als sie wissen. Dies ist nicht bloß eine Sache von Fragetechniken.


Manche Ausbildungsinstitute verlangen von werdenden Analytikern eine Lehranalyse von bis zu 700 Stunden. Andere Institute fordern sogar 1000 Stunden. Als wäre damit eine Garantie für die Qualität der Arbeit eines zukünftigen Analytikers gegeben. Nicht jedermanns Jahre auf der Couch sind Lehrjahre in Richtung auf das analytische Arbeiten mit Analysanten. Otto Sachs erklärte, keine wesentlichen Unterschiede zwischen Lehranalysen und therapeutischen Analysen gefunden zu haben.

 

Im Zentrum der Ausbildung steht ohne Zweifel die Eigenanalyse. Doch erscheint heutzutage das staatlich garantierte Zertifikat von größerer Bedeutung, und Aspiranten bezahlen den anerkannten Instituten und ihren Ausbildern viel Geld für einen Meisterbrief. Niemand spricht dann noch aus, was mit Blick auf den Diskurs der Analyse gesagt werden müsste: Das Interesse der Analysanten wird nicht durch Zeugnisse gewahrt. Sondern durch die Wahl eines geeigneten Analytikers.

 

Die Laienanalyse, wie Freud sie sich dachte, ist eine Öffnung der Psychoanalyse zur Wissenschaft hin. Sie läuft über die Linguistik, die Sprachgeschichte, Literatur- und Kunstgeschichte, die Kulturwissenschaft u.v.m. – und nicht, wie Jones meinte, über die Medizin. Gewiss ist es nicht verkehrt, über das Wissen der Medizin zu verfügen, wenn man analytisch arbeitet. Ebenso wichtig ist es jedoch, auch über des Wissen von Philologie, Kunstgeschichte, Theologie, Literaturwissenschaften und Biologie zu verfügen. Die Aufzählung ließe sich beliebig fortsetzen.

 

Dabei wird deutlich, dass es im Geschehen der psychoanalytischen Arbeit gar nicht um Einsatz oder Umgang mit einem bestimmten Fachwissen geht. Analysieren hat viel weniger mit positivem Wissen zu tun als mit einer Fähigkeit zum Nichtwissenkönnen. Bions berühmte Formel des No memory, no desire, no understanding bringt diesen Gedanken auf den Punkt. Eingedenk dieser Argumente richtet sich grundlegende Kritik gegen den Glauben, das psychoanalytische Handwerk ließe sich im Rahmen einer institutionalisierten, staatlich zertifizierten Ausbildung akkumulieren und in standardisierten Prüfungen abfragen.

 

Das analytische Können basiert auf vielen Dingen, die schlechterdings in Lehrformeln aufgehen. Vermutlich schrieb Freud aus diesem Grund auch nie ein methodisches Lehrbuch, gleichwohl sich seine zahlreichen klinischen Mitteilungen und Hinweise auf sein gesamtes Werk verteilen. Moritz Senarclens de Grancy

Siehe zum Thema auch die Initiative von medico international.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0