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Mo

20

Jul

2015

Traumdenken I

Der Traum gebiert Texte. „ZeitRaum“ vom Ars Electronica Futurelab am Flughafen Wien. Bild MSG
Der Traum gebiert Texte. „ZeitRaum“ vom Ars Electronica Futurelab am Flughafen Wien. Bild MSG

Als es Freud mit dem Traumphänomen aufnahm, war ihm nicht gleich klar, dass er damit eine Logik des Denkens entdecken würde. Als Wissenschaftler war er darin ausgebildet, gemäß den Regeln der Vernunft das Zählbare und Sammelbare in den Mittelpunkt der Untersuchung zu stellen. Bald erkannte er jedoch, dass dem Traum mit seinen bizarren Unverständlichkeiten kaum mit einer quantifizierenden Betrachtungsweise beizukommen war. Um ihn zu deuten, war Freud darauf angewiesen, sein Verständnis von Logik der Struktur und Funktionsweise des Traumes unterzuordnen.

 

Just an dieser Voraussetzung waren zahlreiche Traumforscher seit der Antike gescheitert. Ihr Irrtum lag darin, den Traum unter rationalen Gesichtspunkten erfassen zu wollen. Auch heute ist man verleitet, an Träume dieselbe Erwartungshaltung wie an Powerpoint-Präsentationen anzulegen, sofern sich die Bedeutung hier wie dort aus dem Bild unmittelbar ergeben müsse.


Freud erkannte jedoch, dass neben dem Bildhaften des Traumes vor allem die Traumerzählung relevant ist. Der Schlaf der Vernunft gebiert nicht nur Ungeheuer, wie der spanische Maler Goya meinte, sondern im Anschluss an das Erwachen vor allem Text. Freud bemerkte, dass es dabei gerade die Auslassungen, Brüche, Absurditäten und unscheinbaren Details in der Traumerzählung sind, die den Zugang zu erweiterten Sinnzusammenhängen eröffnen.

 

So wurde der Traum für die Psychoanalyse zu einem paradigmatischen Beispiel dafür, wie das Nachdenken über Zeichen- und Symbolzusammenhänge von strukturgebenden Prozessen ausgeht. Bedeutungsstrukturen wie im Traum – man könnte auch von Sinnsystemen sprechen – erschließen sich dem Beobachter zunächst also nicht über einen holistischen Ansatz, sondern annahmebasiert anhand wechselnder Hilfsvorstellungen über die Reibungsprozesse ihrer differenten Einzelteile.

 

In der Fließ-Korrespondenz findet sich eine Passage, wo Freud Auskunft über seine Arbeit am Traumbuch gibt: „Nun ist das Ganze so auf eine Spaziergangsphantasie angelegt. Anfangs der dunkle Wald der Autoren (die die Bäume nicht sehen), aussichtslos, irrwegreich. Dann ein verdeckter Hohlweg, durch den ich den Leser führe – mein Traummuster mit seinen Sonderbarkeiten, Details, Indiskretionen, schlechten Witzen, – und dann plötzlich die Höhe und die Aussicht und die Anfrage: Bitte, wohin wünschen Sie zu gehen?“ (Brief v. 6.8.1899)

 

Freuds Allegorie auf die eigene, gerade vollbrachte Entdeckung als eine Wanderung aus der Dunkelheit ans Licht der Erkenntnis liegt die Vorstellung einer Aufklärungsleistung zugrunde. Sie setzt eine neue Technik des Weltverstehens ein und emanzipiert sich dadurch auch von der überlieferten Weltsicht. Doch die lichte Höhe des neuen Wissens, die die dunkle Waldphase ablöst, hat einen Preis, verlangt sie vom Einzelnen doch eine Antwort auf die Frage, wohin es gehen soll.

 

Denn während die Symbolsprache des Märchenwaldes seit Urzeiten Bestand hat und schon im Kindesalter tradiert wird, erspart Freuds Hohlweg seinem Begleiter nicht die Auseinandersetzung mit allerlei Neuem, Sonderbarem und Peinlichem, welches es als vollgültigen Teil der geistigen Tätigkeit erst noch zu würdigen gilt. Das Denken des Traums erscheint dem Träumer vor diesem Hintergrund vor allem als unbekannt und befremdlich. MSG

 


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