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Mo

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Dez

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Sprachlose Medizin - Über den Wandel eines Berufsbildes

talking cure sprechende Medizin Pappenheim Anna Breuer Psychoanalyse
Die Deutsche Bundespost widmete der Frauenrechtlerin und ehemailgen Patientin von Josef Breuer, Bertha Pappenheim, 1954 eine Briefmarke. Bild NobbiP lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia

Bertha Pappenheim alias Anna O. gilt bekanntlich als inoffizielle Begründerin der Psychoanalyse avant la lettre. Als Patientin von Josef Breuer entwickelte sie eine therapeutisch-technische Prozedur, die auf das “Wegerzählen der Symptome” ausgerichtet war. Von ihr stammen die Ausdrücke “talking cure”, “recognising work”, “chimney sweeping” und “Privattheater” für Wachträumen - Formulierungen, anhand derer sie ihre voranalytische Arbeit in Breuers Praxis beschrieb. Die, wie Breuer (1882) mitteilt, völlig unsuggestible Patientin kam mit Lähmungen, Stottern, Aphasien und weiteren hysterischen Symptomen zu ihm und fand in dem angesehenen Wiener Neurologen jenen zugewandten und geduldigen Zuhörer, der es ihr ermöglichte, ihre Selbstheilung zu betreiben.

 

Breuers Bereitschaft, seiner Patientin Raum für einen sich frei entfaltenden Prozess zu geben, steht vor dem Hintergrund einer Zeit, wo die Medizin von der Heilkunst zur Wissenschaft wurde. Im Zuge dessen wandelte sich das Berufsbild des Arztes: War es noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts selbstverständlich gewesen, dass der Patient dem Arzt diktiert, was zu tun sei, hatte sich nunmehr der Patient der fachlichen Kompetenz und patriachalen Autorität des Arztes unterzuordnen.

 

Auch der Medizinhistoriker Henri Ellenberger stellte fest, dass Anna O. »einer jener Fälle war, die in den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts so häufig, in den 1880er Jahren jedoch so selten waren, in denen der Patient dem Arzt vorschrieb, welche therapeutischen Mittel er anzuwenden habe, den Verlauf der Krankheit prophezeite und ihr Ende vorhersagte. 1880, als die autoritäre Anwendung der Hypnose an die Stelle der früheren Therapien des ›Feilschens‹ getreten war, konnte man eine Geschichte wie die der Anna O. nicht mehr verstehen« (Henri Ellenberger 1973, S. 664).

 

Heute steht die moderne Medizin vor dem Dilemma, dass Ärzte angesichts von 20 000 Fachjournalen und den mehr als 3000 Studien, die jeden Tag veröffentlicht werden, kaum noch den Überblick behalten können. Ohne Spezialisierung geht es nicht, was allerdings zur Folge hat, dass viele Mediziner heute nur noch ein einziges Organ behandeln, während der Patient als Gesamtorganismus aus dem Blickfeld gerät.

 

Eine Expertentagung in Tutzing in Kooperation mit der Süddeutschen Zeitung hat sich kürzlich der Frage angenommen, wie das rasant wachsende Fachwissen das Berufsbild der Ärzte beeinflusst und wie sinnvoll ein wachsendes Spezialistentum ist. Denn unter Mediziner ist auch klar, dass sich menschliche Leiden nicht an Spezialisierungen ausrichten. Einige von ihnen fordern daher eine Kehrtwende hin zu mehr interdisziplinär und holistischer Arbeit in der medizinischen Versorgung. Das Problem ist jedoch wie oft, dass Generalisten im alltäglichen Gerangel um Macht und Mittel keine Lobby haben.

 

Ein weiterer Diskussionspunkt der Tagung: Die Dominanz des Ökonomischen. Sparpolitik und Privatisierungen haben in den letzten Jahren dazu geführt, dass sich der Fokus von der Heilung des Patienten auf die Frage verschoben hat, wie sich davon am meisten profitieren lässt. Zeit für Patientengespräche ist längst zur knappen Ressource geworden, die Ärzte häufig nur auf eigene Kosten aufwenden können, während zugleich für lukrative Diagnosetechnik ausreichend Geld vorhanden ist. Die Regel dahinter: Bezahlt wird nur, was messbar ist. Alles, was keine Zahlen generiert, ist bedeutungslos.

 

Das hat jedoch negative Auswirkungen auf das gesamte Gesundheitssystem: Fragwürdige Diagnostik anstelle persönlicher Gespräche mit Patienten, Frustration bei Ärzten und Patienten, Missverständnisse und mangelnde Kooperation im Arzt-Patienten-Verhältnis, Abschreckung des medizinischen Nachwuchses aufgrund der beruflichen Unzufriedenheit von älteren Kollegen. Medicus - quo vadis?

 

Anlass genug, sich an Breuers Patientin Anna O. zu erinnern und an die Begründung der Psychoanalyse durch Sigmund Freud. Freuds Redekur, auch im Wien der Moderne um 1900 alles andere als ‘modern’, wird im Beitrag der Süddeutschen Zeitung als Meilenstein der Medizin genannt. Denn Freud führte in die Behandlung psychosomatischer Symptome die Kategorie der Sprache und des Sprechens ein und ließ seine Patienten frei assoziieren, also alles mitteilen, was ihnen spontan einfiel.

 

Entgegen der Tendenz des damaligen Zeitgeistes suspendierte Freud die Autorität des Arztes als desjenigem, der über das Wissen verfügt, hielt medizinisches Urteil und Diagnose hintenan und “beschloß, von der Voraussetzung auszugehen, daß meine Patienten alles, was von Bedeutung war, auch wußten, und daß es sich nur darum handele, sie zum Mitteilen zu nötigen” (1895d, S. 168). Die Unterdrückung der ärztlichen Neugier eröffnete dem Patienten die freie Verfügung über die Reihenfolge der Themen, weshalb Freud etwa im berühmten Fall vom Rattenmann seinen Patienten mit der Frage empfängt: Wie werden Sie nun fortfahren? (1909a, S. 398)

 

Gewiss lässt sich dieser Ansatz nicht bei allen Symptomatiken, etwa nicht bei reinen organischen Erkrankungen einsetzen, in Einzelfällen jedoch ergänzend etwa bei chronischen Schmerzen. Dessen ungeachtet wird das Bedürfnis nach Artikulation sowie der Effekt eines offenen Ohres auf die innere Logik von Zuständen bei Menschen gerade in schwierigen Lebenslagen oft unterschätzt. Raum für offene Artikulation und eine Kommunikation, die empathisch ist für die Sorgen und Probleme von Menschen, erscheint als eine naheliegende und kostengünstige Alternative. Sie in die Tat umzusetzen, erfordert jedoch eine andere Vorstellung vom Arztberuf. Moritz Senarclens de Grancy

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