Die Zukunft der Psychoanalyse hängt davon ab, inwieweit sie ein ähnliches Interesse für gesellschaftliche Fragen entwickeln kann, wie es der ersten Generation der Psychoanalytiker gelang.

(A. Mitscherlich)

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Placebo - ein Sprachphänomen?

Wieso reichen in der medizinischen Behandlung von Patienten manchmal anstatt Medikamente auch Scheinpräparate ohne Wirkstoff? Für diese sonderbare Wirkung kennt die Medizin den Ausdruck "Placebo" - zu deutsch: ich werde gefallen. Der Fernsehsender Arte widmet dem Phänomen einen sehenswerten Dokumentarfilm, der das Phänomen auch aus psychoanalytischer Sicht betrachtet. Denn während allgemein anerkannt ist, dass bei Placebos der Glaube an die Wirksamkeit eine zentrale Rolle spielt, ist weithin offen, wodurch dieser Glaube eigentlich zustandekommt.


Die Frage, die sich mit Blick auf Placebos stellt, lautet also: Wie kann bloßer Glaube die Biochemie des Körpers beeinflussen? Im komplexen Geschehen des Organismus verbinden Neuronen Körper und Gehirn und lösen Hormone aus, die beispielsweise Schmerzen lindern. Derselbe Effekt kann jedoch auch bei der Gabe von buten Pillen eintreten, die keinerlei Wirkstoffe enthalten. Eine Erklärung, was für diesen Effekt verantwortlich ist, steht derweil noch aus. 


Aus psychoanalytischer Sicht spricht vieles dafür, dass das Placebo vor allem ein Suggestiveffekt darstellt. Mit anderen Worten lässt sich das Gehirn des Patienten durch die Autorität des Arztes und seiner Worte austricksen. Das Placebo selbst erscheint dabei wie ein Nebenschauplatz, während die menschliche Beziehung im Arzt-Patienten-Verhältnis, die Überzeugung des Arztes und insbesondere der Dialog mit dem Patienten die Wirkung auslöst.


Freud sprach mit Blick auf solche zwischenmenschlichen Energien von Übertragungen und verwies an anderer Stelle darauf, dass Worte in der Lage sind, Menschen zum Lachen als auch zum Weinen zu bringen - beides physiologische Vorgänge. Die moderne Medizin ist mittlerweile wieder auf diese psychologischen Zusammenhänge aufmerksam geworden, die sie zu den Wurzeln ihrer Disziplin zurückführen. In der Antike war allgemein anerkannt, dass die Medizin in der Psychologie gründet. 


Interessanterweise relativiert ein semantisch fundiertes Verständnis der Wirkung von Placebos den Unterschied zwischen Schmerzmitteln, Psychotherapie und Physiotherapie. Dies lässt sich auch an Studien zu chronischen Schmerzen ablesen, die Mithilfe von Placebos gelindert wurden. Im Zentrum des Placeboeffekts steht, so ließe sich behaupten, die Beziehung zu einem anderen, dem die Gabe unterstellt wird, heilen zu können. Der Arzt und Psychoanalytiker Michael Balint wies übrigens darauf hin, dass sich der Arzt immer auch selbst verschreibt. Vor diesem Hintergrund erscheinen Pläne für eine Robotermedizin, bei der "Computer Ärzte ersetzen" (F.A.Z. vom 27.6.2014), undenkbar. 


Psychoanalytisch betrachtet erscheint Placebo somit als ein Effekt der Sprache, der die Fähigkeit zueigen ist, physiologische Veränderungsprozesse im menschlichen Nervensystem zu bewirken. Somit hat das Placebo die Dimension des Realen, wie es Jacques Lacan versteht. Die Wirkung kommt nicht von der Pille, sondern von dem, was sie sprachlich ermöglicht. Dass diese Macht kaum zu überschätzen ist, zeigen neueste Studien mit Patienten, denen absichtlich mitgeteilt wurde, dass sie Placebos erhalten. Auch ohne die sonst übliche Täuschung, so das überraschende Ergebnis dieser Untersuchung, trat der Placeboeffekt ein.

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Kommentare: 1
  • #1

    Stefan (Samstag, 13 Dezember 2014 04:48)

    Stünden dann nicht Pillen, die "wirklich wirken", für eine Art Abwesenheit der Macht der Sprache? Was für ein schwarzes Loch tut sich da auf.