Psychoanalyse lässt sich im wesentlichen als eine Lektüretechnik verstehen: Sie unterstützt beim Lesen von Texten. Ein alltäglicher Vorgang, wenn man bedenkt, wie häufig wir vor der Frage stehen, was ein Text, eine Email oder eine mündliche Mitteilung bedeutet. Im Handel heißt es, die beste Sprache sei immer die Sprache des Kunden. Dieser Merksatz der Kundenorientierung wird dem deutschen Kaufmann und Bankier Anton Fugger aus dem 16. Jahrhundert zugeschrieben. Fugger war klar, man muss die Sprache des Anderen verstehen, um mit ihm in eine Austauschbeziehung eintreten zu können. Auch heute gilt, dass der Waren- und Geldkreislauf erst in Gang kommt, wenn der Austausch mit Worten klappt. Weiterlesen
Die infantilen Sexualtheorien gelten Freud zufolge als vorbildlich für das Neugierverhalten des späteren Erwachsenen. Freuds Ausdruck „infantile Sexual-forschung“ besagt, dass das Sexualleben des Kindes auch mit dem Anfang jener Tätigkeit einhergeht, „die man dem Wiß- oder Forschertrieb zuschreibt“ (Freud 1905d, S. 95ff.). Dieser Wisstrieb sei Freud zufolge weder ein elementarer Trieb noch ausschließlich der Sexualität unterzuordnen. Er entspreche einerseits einer sublimierten Weise der Bemächtigung, andererseits arbeite er mit der Schaulust. Seine Beziehungen zum Sexualleben seien dennoch bedeutsame, sofern der Wißtrieb der Kinder unvermutet früh und intensiv „von den sexuellen Problemen angezogen, ja vielleicht erst durch sie geweckt wird“ (ebd.). Weiterlesen
Freuds Konversionskonzept kann als ein Übersetzungsvorgang zwischen psychischen
und physischen Vorgängen betrachtet werden, dem die Sprache als formgebende Struktur zugrundeliegt. Die Begeisterung für die Neurowissenschaften auch in Reihen der
Psychoanalyse stößt indes vielfach auf Kritik, weil die Frage des Sprachlichen, der Bedeutung der
sprachlichen Vermittlung, nicht ausreichend reflektiert wird.
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Der Analytiker hat dem Analysanten nichts zu bieten als seine Bereitschaft zum Zuhören; er empfängt den Analysanten mit leeren Händen, entlässt ihn jedoch nach jeder Stunde mit Eindrücken mitten aus seinem Leben und dem Gefühl, einen Prozess des Denkens in Gang gebracht und das Wissen von den Bedingungen seines Menschseins erweitert zu haben. Gegenstand der Betrachtung sind dabei immer wieder die großen Erzählungen der Menschheit, die Frage nach den Anfängen des Lebens, nach seinen Ursprüngen und Wandlungen, das Streben nach Glück und Zufriedenheit und dessen regelmäßiges Scheitern. Weiterlesen
Lesbisch, schwul, bi, trans- oder intergeschlechtlich – die Akzeptanz gegenüber geschlechtlicher Vielfalt ist in den westlichen Industrieländern höher denn je. Dabei wirft der Topos der „geschlechtlichen Vielfalt“ aus psychoanalytischer Sicht die Frage auf, welchen Erkenntnismehrwert es habe, den biologischen Geschlechtern beliebig viele Spielarten hinzuzufügen. Ungeachtet des schwierigen Verhältnisses von Geschlechterforschung und Psychoanalyse nicht zuletzt aufgrund der strittigen Weiblichkeitskonzeption Freuds hinterfragen beide Disziplinen stereotype und neo-patriachale Konzeptionen von Sex und Geschlechtlichkeit. Weiterlesen