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Mo

19

Okt

2015

Das Unbewusste im Unternehmen ist doch Science Fiction, oder?

Solaris, Spiegel, Übertragung, Menschen, Psychodynamik, Tarkowsi
"Menschen suchen wir, niemand sonst. Wir brauchen keine anderen Welten. Wir brauchen Spiegel." Szene aus Andrei Tarkowskis Verfilmung von Stanislaw Lems Roman Solaris (1972)

Was hat ein Science Fiction Roman mit der psychodynamisch orientierten Beratungstätigkeit in Organisationen gemein? Antwort: Bei beiden geht es um den Umgang mit fremden Kulturen und die Suche nach intelligenten Lebensformen. Doch im Ernst: Tatsächlich stellen sich psychodynamisch orientierte Beraterinnern und Berater zu einer Organisation wie zu einer fremden Kultur, weil Menschen zunächst immer Fremde sind, sofern sie meist anders ticken, als man denkt.

 

Dabei ist das Zusammentreffen mit anderen Kulturen immer eine Mischung aus Begegnung mit dem Fremden und mit sich selbst. Vom ersten Moment an sind wir darin Unternehmerinnen und Unternehmer, sofern wir den Versuch einer Assimilierung unternehmen: Wir suchen im Anderen nach Spuren der Ähnlichkeit zu dem, was wir kennen und was uns vertraut ist. Letztlich also zum urvertrauten Eigenen.

 

Wenn wir an den Anderen, an den Nebenmenschen, wie Freud ihn nennt, denken, an die sehr unterschiedlichen Beziehungskonstellationen, die Menschen unterhalten können, liegt eine universelle Fragestellung nah: Was bedingt, dass Begegnungen glücken? Eine auch für Unternehmen wichtige Fragestellung, bedenkt man etwa, welche Kosten entstehen, wenn die Nachbesetzung einer wichtigen Stelle wiederholt misslingt oder internationale Teams nicht zusammenfinden können.

 

Um in diesen und ähnlichen Arbeitssituationen den Blick zu erweitern, beziehen psychodynamisch orientierte Berater ihre Daten und Informationen aus ihrer subjektiven Wahrnehmung, aus der individuellen Erfahrung und aus Detailbeobachtungen des Alltagsgeschehens. Sie erfassen Daten und Informationen mit ihren Sinnen. Welche Informationen geben das Firmenlogo, die Räumlichkeiten, die Umgebung und Einrichtung insgesamt? Oder die Geschichte einer Organisation? Sie achten auf Beobachtungen, die ihnen nicht aus dem Kopf gehen, Wahrnehmungen auch nebensächlicher Details. Überdies verstehen sie etwas von der Übertragung.

 

Übertragung ist, wenn Personen aus der eigenen Vergangenheit in der Gegenwart wieder auftauchen. So wie in Stanislaw Lems Roman Solaris. Dort wird der Psychologe Kris Kelvin zur Weltraumstation gerufen, weil sich merkwürdige Dinge abspielen. Von der Crew sind nur noch zwei Kollegen übrig, die Kelvin mit verstörten Blicken empfangen, misstrauisch darauf bedacht herauszufinden, ob ihre Wahrnehmung nicht doch halluzinatorischer Art ist. Der Grund: Sie werden von sogenannten Gästen aufgesucht, Personen aus ihrem Leben auf der Erde, die indes nie eine Raumfahrtkapsel zur Station gebracht hat. Ganz so verhält es mit der Übertragung. Kelvin erfährt es selbst am nächsten Morgen, da sitzt seine Frau Harey neben ihm und streichelt seine Wange. Das für Kelvin Schreckliche ist, dass sich Harey vor ein paar Jahren das Leben genommen hat.

 

Der Roman Solaris behandelt mithin die Frage, wie es sein kann, dass die Zusammenkunft mit dem Anderen wiederholt zu einer verfehlten Begegnung wird. Lichtjahre von der Erde entfernt, so scheint es, entkommt der Mensch nicht der Tyche, der Göttin des Schicksals, der glücklichen oder unglücklichen Fügung und des Zufalls. Mit Blick auf den traumatischen oder auch konflikthaften Wiederholungscharakter von Begegnungen fragt sich auch: Wie kann die Übertragung als Trägerin unseres Begehrens etwas hervorrufen, das das Trauma des Verlustes oder den vorausgegangenen Konflikt wiederholt in Szene setzt?

 

Die Antwort fällt so schwer, weil wir es bei diesen Wiederholungen mit etwas Unsagbaren zu tun haben, also mit etwas, das sich nur schwerlich auf die Formel eines symbolisierbaren Wissens bringen lässt. Das Bewusstsein gerät mithin an die Grenze seiner sprachlichen Ausdrucksfähigkeit. Der symbolische Prozess versagt, weil Bedeutungen verloren gehen oder nicht mehr konstruiert werden können. Die Konsequenz ist, dass das Unsagbare für den weiteren Verlauf im Leben des Subjekts bestimmend bleibt.

 

Zugleich eröffnet sich hier überhaupt erst die Chance zur Wahrnehmung bislang unberücksichtigt gebliebener Bedeutungen. Oftmals führt der Weg zum Wissen über den metaphorischen Gebrauch von Sprache. Metaphorische Redeweisen nutzen die Scharnierfunktion von Ausdrücken, also den mehrdeutigen Sprachgebrauch etwa von Feuer und Flamme sowie von brennen in Redewendungen und Sprichwörtern. Doch auch und gerade jenseits der sprichwörtlichen Verwendungsarten dieser Ausdrücke tun sich semantische Übertragungsebenen auf, deren zahlreiche Sinnverknüpfungen zumeist erst nachträglich bewusst werden.

 

Die Übertragung wiederholt in gewissem Sinne eine frühere Liebesbeziehung mit all ihren Ambivalenzen. Freud sprach von der Übertragung als einer falschen Verknüpfung. Das heißt, dass der Übertragung ein Verkennen des Anderen vorausgeht, eben der Versuch eines Kennenlernens durch Assimilation an jemand Anderen. Der Übertragung lässt sich dennoch nicht ausweichen, sie ist einfach da, vielleicht ist sie sogar bewusst, während man sich ihrer unbewussten Dynamik doch nicht entziehen kann.

 

Das Problem der Wiederholung liegt derweil darin, alles immer nur auf einen einzigen Bedeutungssinn zurückzuführen. So zum Beispiel, wenn Zusammenkünfte wiederholt im selben Missverständnis enden. Wenn Beziehungen aus vordergründig nichtigen Gründen in einem einzigen Moment der Sinnesverwirrung, der Erniedrigung und Raserei kollabieren. Wie aus heiterem Himmel und ungeachtet besseren Wissens, so als hätte Tyche ihre Finger mit im Spiel.

 

Und doch ist der Objektverlust der Beginn der Organisation. Denn die Bewältigung des Traumas fördert neue Strukturen zutage. Dies macht auch Freuds zentrale Frage in Das Ich und das Es deutlich: Auf welche Weise differenziert sich an der Oberfläche des Es so etwas wie das Ich aus und bildet im weiteren Verlauf eine innere Ordnungsinstanz wie das Überich? Durch die Aufrichtung verlustig gegangener Objekte. Die Organisation des Ichs stellt demnach die Geschichte von Objektbeziehungen und -verlusten dar. Vielleicht lässt sich dieser Satz ja auf Organisationen aller Art übertragen. Moritz Senarclens de Grancy

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