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Mo

21

Sep

2015

Metaphorik und Psychoanalyse

Im September bei Psychosozial erschienen.
Im September bei Psychosozial erschienen.

Die Ansicht, dass Metaphern nur in Romanen und Gedichten eine Rolle spielen, ist längst überholt. Nicht überholt ist indes die weitverbreitete Annahme, Psychoanalyse sei allein eine Psychotherapie. Beide Diskursfelder lassen sich gut in Bezug zueinander setzen (vgl. Senarclens de Grancy 2015). So kann, wer sich mit Metaphern – also mit dem übertragenen Sprachgebrauch – befasst, einiges über die psychoanalytische Arbeits- und Denkweise erfahren. Denn Psychoanalyse ist ein explizit metaphorisches Unterfangen.

 

Das erkenntnisgenerierende Moment metaphorischen Sprechens und Verstehens rührt daher, dass der metaphorische Sprachgebrauch Redezusammenhänge trennt und neu verknüpft. Dadurch kommt es zu einem Übertragungsprozess. Diese durchaus gebrauchsorientierten Effekte übertragender Redeweisen rechtfertigen es, Metaphern epistemisches Potential zuzubilligen und sie nicht nur als zweite Wahl in Ermangelung eines passenden Begriffs oder als Vorstufe der Begriffsbildung zu betrachten. Das epistemische Potential kann somit als Reflexionsgewinn veranschlagt werden, wenn etwa mittels metaphorischer Verknüpfung die Aufmerksamkeit für bislang unbemerkt gebliebene Zusammenhänge geweckt wird.

 

Zur Psychoanalyse: Erst die Anlehnung an das Literarische ermöglichte es Freud, Patientenmitteilungen und seine Reflexionen zu einem Fall in ein epistemisch wirksames Wechselspiel zu bringen. In Annäherung an die Novelle konnte Freud auf erkenntnisorientierte Weise mit den offenen und verdeckten Umwandlungen des Wissens seiner Patienten – etwa den Erinnerungslücken im Gedächtnis – umgehen. Insofern eröffnete die Erzählform Freud ein Feld des Sprachgebrauchs, in dem er sich schreibend dem Wesen des Objekts annähern konnte – der individuellen Situation seiner Patientinnen sowie – darüber hinausgehend – dem existentiellen Rätsel des Menschseins.

 

Dieses Interesse am existentiellen Rätsel des menschlichen Lebens hat Freud mit den Romanciers seiner Zeiten – Schnitzler, Mann, Musil, Zweig – geteilt. Der Zugang, über den sich ihm das Existentielle des Lebens erschließt, waren unterdessen die Neurosen. Mit anderen Worten: Freud erschließen sich die Fragen des Lebens vom Rand aus, das heißt von den psychischen Symptombildungen her.

 

In Freuds Krankenerzählungen wurden etwa auch Sinneswahrnehmungen zu Leitmotiven: Den Fall Lucy v. R. durchzieht ein rätselhafter Symptombefund in Gestalt unerklärlicher Geruchsempfindungen von Mehlspeise und Tabak. Anstatt dieses Symptom in einen psychiatrischen Krankenbericht fachterminologisch einzuschmelzen, führt es Freud leitmotivisch durch die gesamte Darstellung hindurch: „Ich beschloß also, den Geruch nach ‚verbrannter Mehlspeise‘ zum Ausgangspunkt der Analyse zu machen“ (Freud 1895d, S. 165).

 

Die epistemischen Hintergründe für diesen novellenartigen Schreibstil in einem psychiatrischen Umfeld werden mit Blick auf das Zusammenwirken von Sprachgebrauch und Symptomwahl deutlich: Durch die Verdrängung frei gewordene Energien lassen ein Organ – im Falle von Lucy der Geruchssinn – im Rahmen des kleinen hysterischen Kontexts fehlfunktionieren. Diesen kleinen Kontext mit seinen unbewussten Anknüpfungspunkten gilt es, in der analytischen Arbeit als metaphorischen Sprachgebrauch aufzufassen und in den ursprünglich erweiterten Kontext zurückzuübertragen.

 

Der physiologische Mechanismus des hysterischen Symptoms wird also als Äquivalent der Metapher aufgefasst. Der Körper bedient sich einer Bildsprache, die ihre Funktionslogik dem individuellen Sprachgebrauch eines Menschen verdankt. Gleichwohl bezieht dieser individuelle Sprachgebrauch seine Ausdrucksformen auch vom allgemeinen Sprachgebrauch, das heißt von den Redensarten und Sprichwörtern, aber auch von Witzen, Reimen, Kalauern und anderen Sprachfiguren. Freuds Studien über Hysterie belegen diesen Wirkmechanismus anhand zahlreicher Beispiele.

 

In der Tat wird der Kontext im seelischen Geschehen auf vielfältige Weise gestört und unterbrochen. Die Psychoanalyse kennt eine lange Reihe von Abwehrmechanismen, die hierzu beitragen: Verdrängung, Regression, Reaktionsbildung, Isolierung, Ungeschehenmachen, Projektion, Introjektion, Wendung gegen die eigene Person, Verkehrung ins Gegenteil, Sublimierung. Für den denkenden Teil des Ich bedeutet dies, in seiner Fähigkeit zur Kontextbildung auf vielfältige Weise eingeschränkt zu werden.

 

Eine weitere Engführung seiner intellektuellen Fähigkeiten erfährt der Mensch durch den zentralen psychischen Vorgang der Identifizierung: Denkprozesse laufen häufig nach dem Vorbild eines Anderen. Gerade für die Psychoanalyse, die sich nach wie vor auf ihren Begründer Sigmund Freud bezieht, ergibt sich hieraus die Notwendigkeit, prozessorientierte Erkenntnisverfahren und Referenztheorien für ihre Argumentationslinien zu nutzen. Also wie in der Literatur mit der Erkenntnisoffenheit des metaphorischen Sprachgebrauchs zu arbeiten.

 

Diese Notwendigkeit schien auch Freud ins Kalkül seiner Falldarstellungen einbezogen zu haben: Indem er sich für die möglichen und verhinderten Handlungen seiner Patienten zu interessieren begann, verfiel er, möchte man annehmen, wie von selbst darauf, seinen Stil der Prosa anzunähern. Denn im Unterschied zum medizinischen Fallbericht erlaubte ihm die Novelle den Umgang mit Lücken und Brüchen, jenen Auslassungen des Nichtwissens, denen er im Umgang mit den Neurotikern aus seiner Praxis begegnete. Mit ihren eigenen Stilmitteln – Ähnlichkeiten bei der Ausgestaltung der Figuren, doppelte Handlungen, Rückblenden, Lücken und Einschübe – kommt die Novelle den seelischen Prozessen außerordentlich nahe. MSG

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