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Mo

01

Jun

2015

Woman at Work

Role model Schweden? Schweden hat die größte Chancengleichheit für Frauen und Männer. Ob es Deutschland als Vorbild dienen kann, diskutierten u.a. die Ministerinnen Schwesig und Andersson im Haus der Nordischen Botschaften in Berlin. Bild MSG
Role model Schweden? Schweden hat die größte Chancengleichheit für Frauen und Männer. Ob es Deutschland als Vorbild dienen kann, diskutierten u.a. die Ministerinnen Schwesig und Andersson im Haus der Nordischen Botschaften in Berlin. Bild MSG

Nirgends wird der Kulturwandel derzeit heftiger diskutiert als beim Thema Chancengerechtigkeit für Frauen und Männer im Beruf. Die Frauen-Quote in Aufsichtsräten forciert den Kulturwandel in deutschen Unternehmen, während mehr Kitas zur besseren Vereinbarkeit von Job und Familie beitragen sollen. Bei einem Gespräch mit dem Titel „Woman at Work – Was ist zu tun in Deutschland und Schweden“ letzte Woche im Haus der Nordischen Botschaft in Berlin wurde indes deutlich, dass die Diskriminierung berufstätiger Frauen in Deutschland weiterhin ein Thema ist.

 

Schweden gilt in puncto Erwerbstätigkeit von Frauen als vorbildlich: Frauen sind in der Arbeitswelt – auch in traditionell männlichen Berufen – stärker vertreten und bekommen gleichzeitig mehr Kinder. Eine der Ursachen hierfür ist die Abschaffung des Ehegattensplittings und der Kitauausbau in den 1970er Jahren, ferner die „Vätermonate“ und eine elternfreundliche Unternehmenskultur. In der schwedischen Regierung sind ebenso viele Männer wie Frauen vertreten. Feminismus - in Schweden eine praktizierte Realität.

 

Die schwedische Finanzministerin Magdalena Andersson hob im Botschaftsgespräch hervor, dass die Interessen von Frauen und Kindern auch die Interessen der Gesellschaft seien. Die Verantwortung für Kinder müsse mehr von Männern übernommen werden. Ihre deutsche Kollegin, Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig, räumte ein, dass es in Deutschland noch viel zu tun gäbe. Zwei Hürden ließen sich identifizieren: Das deutsche Steuerrecht, das die Alleinversorgerehe privilegiert, sowie die „Vollzeitideologie“: Während vom Mann erwartet wird, rund um die Uhr für das Unternehmen verfügbar zu sein, sei selbstverständlich die Frau weiterhin zuständig für Kinder, Eltern und Schwiegereltern.


Die Forderung nach einem Kulturwandel für den deutschen Arbeitsmarkt fokussiert also die Themen Steuern und Zeit – dicke Bretter für Politik und Gesellschaft. Am Steuerrecht zu schrauben, um die Erwerbstätigkeit von geringverdienenden Ehefrauen finanziell lohnenswert zu machen, traut sich nicht einmal die SPD. Die Einführung eines „Familiensplittings“ würde Milliarden kosten. Zudem würden Geringverdienerfamilien davon kaum profitieren. Ein Transferausgleich über die Sozialbeiträge böte sich als Lösung an. Das verkompliziere den Entscheidungsprozess indes auch weiter.

 

Ebenso schwierig erscheinen Veränderungen bei den Arbeitszeiten. Vollzeit wird in Deutschland privilegiert. Zugleich sind Frauen in der Teilzeitbeschäftigung überrepräsentiert. Dessen ungeachtet würden aber viele Frauen nach der Baby-Pause gern mehr arbeiten, während nicht wenige Männer zeitlich herunterschrauben möchten. Der Wunsch, die Arbeitszeiten zwischen Männern und Frauen anders aufzuteilen, scheitert indes vielfach an der starren Arbeitszeitkultur in deutschen Unternehmen, Firmen und Einrichtungen.

 

Für einen Kulturwandel in Unternehmen und Gesellschaft empfahl die Politikberaterin Jutta Allmendinger darum die Einführung eines Familienarbeitszeitmodells: „Wir brauchen flexible Arbeitszeitkonten über das ganze Erwerbsleben, die sich auf Männer und Frauen verteilen lassen.“ Ein Stück Schweden, erinnerte Allmendinger, habe es in Deutschland übrigens bereits einmal gegeben: Gleichberechtigte Erwerbstätigkeit von Männern und Frauen, Kinderbetreuungseinrichtungen und Ganztagsschulen entsprachen der Alltagswirklichkeit in der DDR.

 

Hat es Schweden beim Thema Geschlechtergerechtigkeit besser? Der schwedische Unternehmer Sven Hagströmer jedenfalls bekannte sich dem Publikum gegenüber offen zum gelebten Feminismus in seinem Land. Seine Empfehlung an Ministerin Schwesig: Beim Steuerrecht beginnen und die Benachteiligung geringverdienender Ehegatten abschaffen. Auch Allmendinger sieht das Steuerrecht im Fokus: Andernfalls bleibe für Frauen in Deutschland der Heiratsmarkt erfolgversprechender als der Arbeitsmarkt.

 

Wer sich aus beraterischer Sicht für einen Kulturwandel in Gender-Fragen in deutschen Unternehmen einsetzt, bekommt derweil nicht nur Zuspruch. Häufig wird beim „Frauen-Thema“ abgewunken: Haben wir schon, brauchen wir nicht, gibt’s nicht mal was neues... Mit Blick auf die Position von Frauen in der Arbeitswelt geht die Tendenz in zwei Richtungen: Während die einen vom Thema genervt sind, überbetonen die andere die Führungsqualitäten von Frauen. Dass die ostentative Hervorhebung der speziellen Führungsqualitäten von Frauen auf eine „Sekundärstigmatisierung“ (Heidi Möller 2012, S. 99) hinauslaufen kann, wird oftmals verkannt. „Normale“ Arbeitsbeziehungen zwischen Männern und Frauen scheinen indes immer noch eine kulturelle Herausforderung zu sein.

 

Die Diskussion um die Diskriminierung von Frauen in einer immer noch männlich dominierten Arbeitswelt ist gewiss erforderlich. Das Botschaftsgespräch förderte aber auch zutage, dass auf dem deutschen Arbeitsmarkt noch andere Gesellschaftsgruppen Erfahrung mit Diskriminierungen machen – allen voran Personen mit Migrationshintergrund und Ältere. Hinter der Diskussion um die Position der Frauen in der Arbeitswelt steht also die grundsätzliche Frage, wie es um die Akzeptanz des Anderen oder auch Fremden in unserer Gesellschaft bestellt ist. Das ideale Bioprofil bei Bewerbungen ist hierzulande immer noch weiß, männlich, jung. Die Politik scheint dies erkannt zu haben: So testet Ministerin Schwesig in ihrem Haus das anonymisierte Bewerbungsverfahren.

 

Der Umgang mit dem Fremden – sei es nun das andere Geschlecht, Vertreter anderer Nationalitäten oder ein anderes Anderes – gehört zu den grundlegenden Themen der psychoanalytischen Forschung und Praxis. Es liegt zunächst in der Natur des Menschen, dass die Annäherung an das Unvertraute und Fremde immer auch eine Kränkung des eigenen Narzissmus bedeutet und Unlust erzeugt. Neugier und Interesse am anderen helfen beim Überwinden der Unlustschranke. Hinzukommt, dass sich der Mensch sich selbst ein Fremder ist. Freud sprach mit Blick auf die menschliche Seele vom „inneren Ausland“. Oftmals bietet sich der Andere dann als eine Projektionsfläche für abgewehrte oder verdrängte Ich-Anteile.

 

Vorurteile und Rollenstereotype bedeuten indes eine Annäherung an das Objekt im Spiegel der eigenen Voreingenommenheit. Sie dienen auch dazu, die durch das Fremde ausgelösten inneren Spannungen beim Einzelnen ebenso wie in Gruppen oder Organisationen zu bannen. Das Ressentiment hat hier seinen Platz. Der Wunsch nach mehr Ambiguitätstoleranz – also nach mehr Toleranz im Hinblick auf das Aushalten von Widersprüchlichem – anerkennt den Wert von Andersartigkeit und Differenz. Diversity verfolgt eben dieses Ziel. Ein Orchester, in dem jeder Musiker die Möglichkeit hat, sich selbst mit seinem Instrument einzubringen, spielt im Zweifel auch die interessantere Musik als eines, das nur aus Flötisten besteht. MSG

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