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Mo

23

Mär

2015

Der 'normale' Mensch

Gehört zum normalen Leben dazu: Die Freiheit der Wahl. Hier vor dem Kühlregal in einem Supermarkt. Bild Lifestyle Choices Kevin Zamani/flickr
Gehört zum normalen Leben dazu: Die Freiheit der Wahl. Hier vor dem Kühlregal in einem Supermarkt. Bild Lifestyle Choices Kevin Zamani/flickr

Die Proteste gegen TTIP oder Stuttgart 21 offenbaren große Unzufriedenheit mit der Politik und den Medien in den etablierten Kreisen der Gesellschaft. Auch bei der von Dresden ausgehenden Pegida-Bewegung, hört man, hätten viele Teilnehmer ‘normale’ Einstellungen und gehörten zur sogenannten bürgerlichen „Mitte“. Wie ist es daher zu verstehen, wenn die Mitte der Gesellschaft auf die Straße geht?

 

Der Meinungsforscher Klaus-Peter Schöppner prognostizierte kürzlich bei einer Podiumsdiskussion in Berlin, dass der ‘normale’ Mensch das Wahlkampfthema 2017 werden wird. Vor allem die "Sandwichgeneration", also jene Gesellschaftsgruppe in der Rush hour des Lebens, die immer mehr leisten und zugleich auf immer mehr verzichten müsse, fühle sich von der Politik nicht mehr mitgenommen. Aber auch Ältere seien in Sorge um ihre Existenz. Gefühlte oder reale Wohlstandsverluste lösen bei vielen Menschen Abstiegsängste aus, die Abwehrmaßnahmen und reaktionäre Verhaltensmuster auslösen können. Ressentiments gegen Fremde, die Medien oder „die Politiker da oben“ seien dann häufig auftretende Reaktionsweisen.

 

Die zuletzt erstarkten Protestbewegungen in den Großstädten werfen eine Reihe von Fragen auf: Wie konzipieren wir das Gemeinwesen? In welche Richtung verändern die Medien unsere Gesellschaft? Hat die Politik überhaupt noch Einfluss oder wird alles vom Finanz- und Kapitalmarkt geregelt? Diese und weitere Fragen zielen letztlich auf die Frage nach der Norm ab – also danach, was eine Mehrheit in einer demokratischen Gesellschaft als normativ, d.h. als allgemein akzeptabel anerkennt.

 

Was macht also den ‘normalen’ Menschen aus? Aus Sicht des Meinungsforschers Schöppner ergibt sich der Eindruck von Normalität, wenn die Verteilung von Wohlstand ausgeglichen, d.h. gerecht ist. Normal ist, wenn man sich zum Leben leisten kann, was sich auch die anderen leisten können. Der ‘normale’ Mensch bezieht weder Hartz IV noch hat er ein großes Erbe getätigt. Durch die Lupe der Demoskopie betrachtet, ist der ‘normale’ Mensch Durchschnittskonsument. Seine Fähigkeiten nutzt er dementsprechend zur Absicherung seiner Konsumentenkraft.

 

Diese materialistische Bewertung des Normalen hat den Vorteil, dass sich Individuen gut vergleichen lassen. Zugleich staunt man über die quantitative, verkürzte Sicht auf das Menschsein und seine Bedingungen. Demgegenüber erkundet Psychoanalyse Normalität von den Rändern her, d.h. anhand von Versprechern, Witzen, Träumen, Fetischen, Symptomen oder Perversionen. Dieserart ist Psychoanalyse vorwiegend Kritik an der normalen Vernunft.

 

Für Psychoanalytiker nimmt ein Individuum erst anhand seiner Symptome und Fehlleistungen Gestalt an. In der Lücke, die sich beispielsweise auftut, wenn sich jemand verspricht oder partout einen bestimmten Namen nicht erinnern kann. Denn hier öffnet sich das Unbewusste, das mehr vom Subjekt – von seinen Phantasien, Wünschen und Ängsten – preisgibt als sein Kontostand oder die gesellschaftliche Position.

 

Gerade das Sprechen teilt viel über einen Menschen mit, sofern sich im Sprachgebrauch auch der Umgang mit Normen in Form von Grammatik und Wortbedeutungen ausgestaltet. Psychoanalyse folgt gewissermaßen einem eigenen Rationalismus, sofern sie in die Wahrheit einer jeden Aussage vertraut und diese gerad nicht an der Norm misst. In der psychoanalytischen Arbeit - ganz gleich, ob in der Kur, in Organisationen oder projektgebunden - geht es darum, die Bedingungen zu schaffen, um den Diskurs des Objekts, für das man sich interessiert, zu Bewusstsein zu bringen.

 

Gleichwohl ist es nicht selbstverständlich, dass ein Individuum ein eigenes Sprechen entwickelt. Im Gegenteil bedeutet Sprechen ja zunächst die Unterwerfung des Subjekts unter Normen und Regularien. In der Kur verlangt die analytische Grundregel vom Analysanten, ‘frei’ zu assoziieren, d.h. alles zu sagen, was ihm oder ihr einfällt. Anhand dieser Technik war Freud bestrebt, bei seinen Patienten ein Sprechen in Gang zu bringen, von dem aus sie sich als gespalten, d.h. von einem heterogenen Ort aus gesprochen, erfahren. Dieser heterogene Ort unterliegt nicht mehr der Norm, sondern der Logik des Unbewussten.

 

Der Typus des ‘normalen’ Menschen, der sich von der Politik nicht mehr gehört fühlt, fordert die Politik heraus. Wird das Maß für Normalität am Konsumverhalten ausgerichtet, darf man sich nicht wundern, wenn sich Bürger auch der Demokratie gegenüber wie Konsumenten verhalten. In dieser Einstellung sehen sich Politiker dann der Erwartungshaltung ausgesetzt, es sei ihre einzige Pflicht umzusetzen, was des Wählers Wille ist. Wird von der Politik nicht geliefert, wendet sich der Wähler enttäuscht ab und wählt den Protest. Die Distanz zur Politik wächst.

 

Unterm Strich geht es um politische Bildung, aber auch um Beteiligungsformen sowie um die mediale Vermittlung der Verfahrensweisen in den Organen einer repräsentativen Demokratie. Vielleicht sollte man auch hier wie in der psychoanalytischen Arbeit üblich mehr von den Rändern her arbeiten, auf die sich Teile der Mitte der Gesellschaft hinzuzubewegen scheinen. MSG

 

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