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Mo

23

Feb

2015

Metaphorik und die Psychoanalyse Freuds

Blick, Stimme, Po - Partialobjekte in Interaktion. Bild: The Transcendence of the Ego. Derrick Tyson/flickr
Blick, Stimme, Po - Partialobjekte in Interaktion. Bild: The Transcendence of the Ego. Derrick Tyson/flickr

Die Metapher hat für die Psychoanalyse spätestens seit Lacans Parallelsetzung mit der Freudschen Verdichtung eine zentrale Bedeutung erhalten. Merkwürdigerweise existieren jedoch kaum eingehendere Untersuchungen zu den Wechselbeziehungen zwischen der Metaphorik als erkenntnisgenerierender Denk- und Sprechform und der Psychoanalyse.

 

Metaphern schaffen Verbindungen – so die häufig zu lesende Auffassung – die in Ermangelung eines Begriffs für ein Ding bekannte Ausdrücke ihrer Ursprungskontexte entlehnen und diese auf neue Zusammenhänge übertragen. Die Funktionslogik des Metaphorischen wird in der Literatur als eine Dialektik von Bruch und Zusammenhang in bezug auf die paradigmatische (im Unterschied zur grammatischen) Ebene einer Rede aufgefasst.

 

Metaphern führen demnach zu neuem Wissen als Folge neuer semantischer Verbindungen. Dies gelingt immer dann, wenn sich das Sprechen ‘different’, d.h. an Abweichungen und Unterschieden anstatt an Begriffsidentitäten, ausrichten kann. Interessant ist dabei, inwieweit die Metapher für das Gebiet der sprachlichen Ausdrucksformen das Fehlen eines den Zusammenhang der Rede verbindenden Begriffs kompensiert. Diese Annahme setzt ja die Überzeugung voraus, wonach Sprechen in der Regel auf der Basis von Begriffen stattfindet.

 

Ist die Metapher also ein Lückenbüßer? Stellt sie ein sprachlich kreatives Konstrukt dar, das die Aufmerksamkeit auf einen Mangel im Kompendium des begrifflich Sagbaren lenkt? Oder reagiert Sprechen an sich nicht immer schon in kreativer Weise auf ein Defizit der Sagbarkeit? Eventuell ersetzen Metaphern gar nicht fehlende Begriffe, sondern bilden einen sprachlichen Übergang zwischen Erklären und Verstehen, und es ist dieses transitorische Moment, welches das erkenntnisgenerierende Potential von Sprechen ganz allgemein ausmacht.

  

Doch was meint eigentlich die Rede von der Lücke des Sagbaren? Hiermit ist die Frage nach der eigentlichen Bedeutung des (metaphorischen) Sprechens angedeutet. Ist die Lücke, in der ein Element fehlt, in einem ontischen Sinn aufzufassen? Oder geht es um Vorstellungen, d.h. um die Ebene des Signifikats? Steckt darin nicht auch ein Prozessgeschehen ähnlich wie ein Algorithmus, mit dem auf mathematische Weise technische Abläufe oder Naturphänomene in ihrer Funktionalität beschrieben werden? Die Diskussion um die Rolle des Metaphorischen führt früher oder später immer zur Referenzfrage.

 

So lässt sich etwa fragen, wie sich die Chiffre der Lücke mit der hermeneutischen Ausrichtung der Metapherntheorie verträgt? Unter den Metaphorikern glauben so anerkannte Theoretiker wie die Philosophen Paul Ricœur oder Harald Weinrich an die Interpretationsfähigkeit von Metaphern. Zwar siedelt Ricœur seine Hermeneutikthese außerhalb der Metapher an, begreift jedoch das Verstehen von metaphorischen Formulierungen als einen konstrukthaften Prozess, der auf Indizien beruht, die im Text enthalten sind. (Ricœur 1972, Die Metapher und das Hauptproblem der Hermeneutik. S. 356–375, S. 362f.) Auf „diese Weise würde ein neues Bindeglied zwischen Einbildungskraft und Metapher sichtbar“ (Ricœur 1972, S. 375. Hervorhebg.: M.S.G.) Auch Weinrichs tertium comparationis, das dritte Element, welches außerhalb der Metapher liege und nach dem es zu suchen gelte, erscheint wie ein Pendant zur ‘Lücke’, handelt es sich dabei doch auch um ein aufzufindendes fehlendes Glied einer Gedankenkette.

 

Sieht man in der Metapher ein Übergangsmodell, kann man wie auch Jakobson und Lacan in ihren Ausführungen zur Metapher anmerken, den Aspekt der Ähnlichkeit beiseite lassen, da sie, d.h. die Metapher, als Idee funktionieren will. Solange jedoch Denken und Sprechen auf Tatbestandsabgleich und Definition festgelegt werden, erscheint das Metaphorische als Ausnahme des Sprechens. Implizit erfährt man in der auf Lacan und Saussure basierenden Lesart Freuds indessen, dass die übertragene Rede der Normalfall darstellt und dass sich Sprechen niemals auf die Bestätigung des Vorhergewussten reduzieren lässt.

 

Wenn Sprechen indes immer schon metaphorisch sein soll, fragt sich natürlich, warum die Rhetorik noch andere, weniger signifizierende Tropen wie die Metapher kennt. Die Allegorie beispielsweise dubliziert im seriellen Vergleich ein Ursprungsbild, weshalb sie auch niemals unbemerkt bleibt, Metaphern hingegen oftmals nicht. Der Hauptunterschied zur Metapher ist hierbei, dass die Metapher einen neuen Sachverhalt oder Zusammenhang erzeugt, während die Allegorie mit den Mitteln des Vergleichs auf einen Zusammenhang lediglich verweisen kann. (Blumenberg 1979. Ausblick auf eine Theorie der Unbegrifflichkeit. S. 449) Andererseits kann nicht leicht von der Hand gewiesen werden, dass Sprache und Sprechen unweigerlich einen Bedeutungsüberschuss aufweisen. Nolens volens haftet dem Sprechen immer ein Mehr an Sinn an.

 

Anders gesagt lenken Metaphern den Blick auf das weltliche Reflexionsgefüge, dessen gedanklichen Verbindungen immer wieder neu zu erschließen sind. In diesem Sinn weist auch Blumenberg Metaphern Funktionen zu, die – anders als Theorien der Metapher – praktischen Nutzen als Komplemente der Begriffsgeschichte beanspruchen: Metaphern werden somit als „authentische Leistungsart der Erfassung von Zusammenhängen“ vorgestellt, weshalb Metaphorologie sich auch nicht so sehr für die Konstitution von Begrifflichkeit, sondern für den „Motivierungsrückhalt aller Theorie“ (Blumenberg 1979, Ausblick auf eine Theorie der Unbegrifflichkeit. S. 438–454. S. 438f.) interessiere.

 

Freud geht es im Traumbuch um ein Verständnis der Motive, die dazu führen, einen ursprünglichen Gedanken in einen anderen zu übertragen und von seiner Bedeutungsherkunft zu trennen. Als die hieran beteiligten Momente zählt er neben der Verdichtungsarbeit noch die Verschiebungsarbeit, die Darstellung durchs Gegenteil, die Rücksicht auf Darstellbarkeit und die sekundäre Bearbeitung (Rationalisierung) auf. Um es an Freuds eigenem Beispieltraum von der „Botanischen Monographie“ zu veranschaulichen: Das Traumdetail „botanisch“ führt Freud zu einer Reihe von Assoziationen wie etwa „an die Person des Professors Gärtner, an seine blühende Frau, an meine Patientin, die Flora heißt, [...]. Gärtner führt neuerdings auf das Laboratorium und auf das Gespäch mit [...]; [...] Außerdem erinnert ‚botanisch‘ an eine Gymnasialperiode [...]. ‚Botanisch‘ ist also ein wahrer Knotenpunkt, in welchem für den Traum zahlreiche Gedankengänge zusammentreffen [...]“ (Freud 1900a, S. 288f.)

 

Die Vielfalt der Assoziationen macht deutlich, dass man in die Irre geführt würde, „wenn man diese Zeichen nach ihrem Bilderwert anstatt nach ihrer Zeichenbeziehung lesen wollte“ (ebd., S. 284). Es wäre zudem schlichtweg unmöglich, in Freuds Traumbeispiel eine einzelne Bedeutung für ‘botanisch’ bestimmen zu wollen. Diejenigen Gedanken, die durch das Traumbild ‘botanisch’ repräsentiert werden, können alles mögliche bedeuten – nur eben nicht bloß ‘botanisch’ in einem rein begrifflichen Sinn.MSG

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