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Mo

09

Feb

2015

Psychoanalyse – Technik oder Kunst?

Vielleicht weder Technik noch Kunst, sondern Spiel? "A Freudian Chat" by Kevin Poulton/flickr
Vielleicht weder Technik noch Kunst, sondern Spiel? "A Freudian Chat" by Kevin Poulton/flickr

Es gibt ein Argument, dessen Überzeugungskraft unwiderstehlich zu sein scheint: Das Argument des Fortschritts. Es besagt, dass man sich dem anzupassen hat, was als zeitgemäß gilt, um nicht unmodern und rückständig zu erscheinen. Dieses Argument kommt in allen Lebensbereichen zum Einsatz, mit einer Ausnahme: der Kunst.


Während technische Geräte und Verfahren vom Fortschritt ersetzt werden, gelten für die Kunst andere Regeln. Ein modernes Bild ist keine bessere Kunst als eines aus dem vorigen Jahrhundert; niemand schreibt einen Roman, um einen älteren Romane oder den Roman schlechthin zu modernisieren. Der Wert von Kunstwerken wird vom Fortschreiten der Zeit substantiell nicht verändert.

 

Wie steht es nun mit dem Wert der Psychoanalyse? Muss sie sich dem Fortschritt anpassen? Oder darf sie darauf verweisen, dass sie einen Prozess erschafft, dessen Wirkung ähnlich der Kunst zeitlos ist. Ist die Psychoanalyse einem Heute verpflichtet?

 

In einer Gesellschaft mit ihren Diskursen wird von uns allenthalben verlangt, dass wir uns verhalten. Man kann dies als Einschluss- und Ausschlußverfahren verstehen und überlegen, ob man als Psychoanalytiker an ihm teilnehmen möchte oder nicht – ganz gleich ob als passiver oder aktiver Bestandteil. Wenn man also die Ansicht vertritt, die „heutige“ Psychoanalyse brauche dringend „gute“ klinische Forschung, nicht nur um in der Welt der Psychotherapien zu bestehen, sondern auch um die professionelle Behandlungsmethode ständig weiterzuentwickeln, wie es in dem lesenswerten Zwischenbericht von Marianne Leutzinger-Bohleber et al. (Psyche 2010, 782-832, S. 787) heißt, stellt man sich indes in den Diskurs einer psychoanalytischen Selbstanschauung, die sich als Technik versteht, die wie alle anderen Techniken fortwährend Gefahr läuft, aus dem Kreise der aktuell als wirkungsvoll und funktionsfähig erachteten Techniken ausgeschlossen zu werden.

 

Das Problem liegt auch darin, dass man keinem Vertreter der offiziellen Gesundheitspolitik eine Psychotherapie verkaufen kann, die behauptet, allein durch Zuhören und Reden ein kostspieliges Therapieverfahren rechtfertigen zu wollen. Der Glaube an den Fortschritt tut sich schwer damit anzunehmen, dass das Aussprechen eine effektive und anspruchsvolle Methode der Behandlung bei seelischem Leiden darstellen soll. Man würde dies eher von einem neu entwickelten technischen Verfahren annehmen als von einer Redekur.

 

Es gibt im Leben Dinge, deren Gut- oder Schlechtsein sich nicht zweifelsfrei und ein für alle Mal feststellen lässt. Das Wohlbefinden eines Menschen etwa bestimmt sich jeden Tag, jeden Moment aufs neue. Und unter welch irrationalen Bedingungen ist der Mensch imstande, Glück zu empfinden, bzw. in welch paradiesischen Zeiten kann er totunglücklich sein? Dies zeigt doch, dass es bei der Bewertung von Wohlbefinden und Glück, von Gesundheit ganz allgemein, keine normativen Maßstäbe gibt. Das Subjekt in seiner jeweiligen Lage erscheint meist komplex und widersprüchlich, so dass es zu seiner Erforschung nicht nur eine geeignete Technik bzw. Theorie braucht, sondern auch die entsprechende Lebenserfahrung, psychologisches Talent und so etwas wie Geschick oder Berufung.

 

Wäre die Psychoanalyse eine philologische oder linguistische Kunstfertigkeit, würde bei ihr das Argument des Fortschritts nicht verfangen. Als Kunstfertigkeit bräuchte sie nicht immerfort neue technische Verfahren zur Verbesserung ihrer Leistungsbilanz, sondern Menschen mit Fleiß und Talent für psychoanalytisches Arbeiten, was in diesem Fall ein auf die Sprache sensibilisiertes analytisches Arbeiten bedeuten würde. Die Psychoanalyse müsste sich gegebenfalls damit abfinden, dass ein nicht unwesentlicher Teil ihres Potentials schwerlich oder gar nicht vermittelbar ist, dass noch so raffinierte Lehranalysen keine garantiert fähigen Psychoanalytiker hervorbringen, genauso wie noch so professionelle Schreibkurse nicht garantiert befähigte Schriftsteller hervorbringen.

 

Die Psychoanalyse müsste sich damit abfinden, dass ihr therapeutisches Verfahren einen Versuch darstellt, der in aller Regel zum Scheitern verurteilt ist, wenn man die falschen Vorstellungen von Gelingen veranschlagt. Alle an der Ausbildung von Psychoanalytikern und Psychoanalytikerinnen beteiligten Instanzen müssten sich mit dem Gedanken vertraut machen, dass das Kernstück der theoretisch analytischen Ausbildung in der wiederholten Lektüre der Werke Sigmund Freuds liegt. Warum? Weil es darum geht, nicht nur die Inhalte, Thesen und Revisionen Freuds im Original zur Kenntnis zu nehmen, sondern weil in dieser Lektüre einer Denkbewegung auf den Grund zu gehen ist, die absolut alles vermitteln kann, was man benötigt, um psychoanalytisch denken und arbeiten zu lernen.

 

Werkgenese, Technik und Kunstfertigkeit der Psychoanalyse sind in Freuds Schriften eng miteinander verzahnt: man kann etwa Freuds Traumdeutung als Kriminalroman in Bezug auf die Lösung des Rätsels der Träume lesen; man kann sie als Gründungsakte einer Wissenschaft lesen, die sich unter expliziter Bezugnahme auf die Antike in die Geschichte der europäischen Wissenstradition einschreibt; ein andermal liest sich Die Traumdeutung wie ein Methodenbuch der analytischen Praxis, insofern es von Freuds Arbeit mit seinen Patienten handelt; ferner und vorrangig mag man dieses Buch als psychoanalytische Zeichenlehre studieren; und nicht zuletzt ist es eine Theorie des psychischen Apparates, wie Freud sie im berühmten VII. Kapitel pointiert.

 

Die Ansicht, die Heilung komme aus dem gesprochenen Wort des Patienten, mutet auch heute noch unerhört an. Wir interpretieren die Welt gemeinhin naturwissenschaftlich, d.h. wir wollen sie zuerst vermessen, wiegen und im Experiment nachbauen, ehe wir glauben, dass sie existiert. Andere Annäherungsweisen an die Realität – Intuition, Glaube, Phantasie – weist unser Verstand in letzter Konsequenz von sich. Lesen wir einen Roman oder besuchen wir eine Ausstellung über Malerei, dann ihres ästhetischen Genusses wegen, genauso wie die meisten von uns heutzutage Kirchen wegen ihrer Kunstschätze besuchen und nicht, weil sie an Gott glauben. Dass eine fiktionale Erzählung mehr Wissen über einen Aspekt des Lebens vermitteln kann als eine wissenschaftliche Studie, glaubt im Grunde kaum jemand. Psychoanalytikern können diese Dinge nicht gleichgültig sein, haben sie es doch mit einer Praxis zu tun, die sie mit dem Verstand erfassen, deren Dynamik die Grenzen des Verstands jedoch regelmäßig unterwandert.

 

Doch welche Erklärung kann man anführen, um überzeugend darzulegen, dass Psychoanalyse durch das Aussprechen wirkt? Reicht der Verweis auf Tausende von erfolgreich durchgeführten Analysen nicht aus? Können Philologie oder Kulturwissenschaften nicht neue Erkenntnisse beisteuern, die die Wirksamkeit der Psychoanalyse als Kur oder Psychotherapie belegen? Oder ist die Frage nach der Wirkung der Psychoanalyse falsch gestellt?

 

Dass die psychoanalytische Kur eine Wirkung haben sollte, dass sie also irgend etwas verändern soll, von dem man sich eine Besserung erwartet, was auch immer diese Besserung für den einzelnen bedeutet, darf man annehmen. Allerdings scheitert man bei dem Versuch, diese Wirkung zu belegen. Womöglich hat dies damit zu tun, dass die Wirkung der Psychoanalyse darin besteht, eine andere Wirkung zu verhindern oder auch nur zu minimieren. Sie zielt wohl eher auf die Aufhebung einer Wirkung ab, als dass sie selbst Wirkungen erzielen will. In einem Wort: Die Wirkung ist nicht die Lösung, sondern das Problem. Insofern könnte es eventuell leichter fallen anzugeben, was die Analyse verhindert, anstatt was sie bewirkt.

 

Vergleicht man die beiden Fallgeschichten aus der LAC-Depressionsstudie, den von Frau A und den von Frau B, stellt man fest, dass beide zur Besserung ihrer Lebenssituation auf verblüffend ähnliche Maßnahmen zurückgreifen: Das Muster, das hier durchschimmert, ist die Erweiterung der Lebenszusammenhänge, also auch die Erweiterung des Bedeutungsspielraums, mithin ein Zugewinn an Möglichkeiten, Bedeutungen herzustellen und an diese weitere Bedeutungen anzuknüpfen. Wenn Verhaltenstherapie und Psychoanalyse ganz ähnliche Auswirkungen zeigen, stellt sich die Frage, ob es im Ergebnis nicht darum geht, jemanden wieder funktionsfähig im Sinne der Gesellschaft zu machen – auf welchem Weg auch immer? Dann fragt sich aber, aus welchem Grund es Freud nicht bei Suggestion belassen wollte, sondern in der Fortentwicklung seiner Methode Übertragung und Konstruktionen in der Analyse einbezogen hat?

 

Vielleicht spielt es zunächst auch keine Rolle, ob diese Erweiterung des Bedeutungsspielraums aus einem Menschen selbst heraus erfolgt oder ob sie ihm von außen als Empfehlung oder Aufforderung entgegengebracht wird. Für den einzelnen ist das Leben oftmals alles andere als vielfältig. Es führt ihn immer wieder an dieselben Orte und zu denselben Erfahrungen. Oftmals ist er gefangen in einem Netz aus unaufhörlichen Wiederholungen, die sein Leben ein ums andere Mal als ein sukzessives Scheitern inszenieren. Mitunter erlebt er dieses Scheitern aber auch als ein partielles Genießen. Psychoanalyse handelt vom Entdecken von Bedeutung, also von etwas Drittem oder Anderem, das einen weiteren Zusammenhang zwischen zwei bereits bekannten Objekten herstellt. Neubestimmung von Bedeutungen mag insofern das Ziel der Analyse als Kur und Forschungsinstrument sein. Im Unterschied zu den Bedeutungsveränderungen, wie sie andere Methoden und Wissenschaften verfolgen, verlegt die Psychoanlyse ihre normative Referenzposition in den Bereich eines dynamischen Unbewussten. In dieser Sicht werden Krankheitssymptome als Zeichen für etwas aufgefasst, deren Bedeutungen erst unter Einbeziehung der Lebenszusammenhänge und insbesondere des Sprechens des Einzelnen verständlicher werden. MSG

Vielleicht weder Technik noch Kunst, sondern Spiel? "A Freudian Chat" by Kevin Poulton/flickr

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