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Mo

19

Jan

2015

Ich-Konstrukte im Zeitalter reproduzierbarer Körperbilder

Als Selfies noch Selbstporträts hießen, war es verdammt schwer, irgendwen dafür zu interessieren. Bild Selfie 1965, Hans Holt/flickr
Als Selfies noch Selbstporträts hießen, war es verdammt schwer, irgendwen dafür zu interessieren. Bild Selfie 1965, Hans Holt/flickr

Zwischen Körper und Sprache liegt das Spannungsfeld, in dem Freud die Psychoanalyse entwickelte. Freuds Festlegung, dass das Ich zunächst ein körperliches sei, führte ihn zur Annahme der „Ichlibido“ (Freud 1905d), einer psychischen Vertretung der physischen Reize. Hunger, Durst, Kälte bewältigt der unreif geborene Mensch nur mit Hilfe eines sozialen Umfelds. Darum ist Freud zufolge die Angst der Kinder ursprünglich nichts anderes als der Ausdruck dafür, dass sie die geliebte Person vermissen. Neben dem Blickkontakt kommt der Sprache und dem Sprechen die Funktion eines symbolische Ordnungssystem zu, mit dem Menschen sich ausgehend von ihren leiblichen Bedürfnissen aufeinander abstimmen.

 

Mit Blick auf die Manie der Selbstfotografie und die Beliebtheit der Casting- und Modelshows regt sich jedoch der Verdacht, der Bedeutung des Körperlichen werde bei uns zunehmend mehr Aufmerksamkeit entgegengracht. Die Bedeutung des Bilds für den Selbstausdruck ist dabei gerade bei jungen Leuten deutlich gewachsen, was gewiss auch mit der Bildaffinität moderner Kommunikationsmedien zu tun hat. Melanie Mühl thematisiert in der F.A.Z. die Bedeutung von Fotosharing-Plattformen wie Facebook oder Instagram als Orte sozialer Vernetzung, an denen sich Jugendliche mit selbstgemachten Fotos und Videos inszenieren. Die neuesten Fotos einer Mitschülerin beherrschen heute ebenso die Pausenhofgespräche an Schulen wie Modetrends und Schminktipps. Wer für sein Selfie viele Likes bekommt, wähnt sich im Rampenlicht der digitalen Bühne und ihrer vielfältigen Möglichkeiten der Selbstdarstellung: „Likes sind die soziale Währung, ein permanent abrufbares Ranking, sichtbar für jeden.“ Dies wirkt sich auch auf das soziale Miteinander im Alltag aus. Mühl lässt in ihrem Beitrag auch die Psychoanalytikerin Ada Borkenhagen zu Wort kommen. Sie sagt, es gelte unter jungen Leuten, immer und überall gut auszusehen. „Selbst beim Sport sind manche Mädchen heute geschminkt.“

Das Ich sei zunächst ein körperliches, sagte Freud. Im Internet, dem zeitgemäßen Ort der sozialen Vernetzung, ist das Ich nicht selten ganz ausschließlich körperlich. Bild "I'm always a day too late" Tessa P/flickr
Das Ich sei zunächst ein körperliches, sagte Freud. Im Internet, dem zeitgemäßen Ort der sozialen Vernetzung, ist das Ich nicht selten ganz ausschließlich körperlich. Bild "I'm always a day too late" Tessa P/flickr

Nicht alles an dieser Entwicklung ist neu; Schönheit galt immer schon als ein Vorteil im Umgang mit anderen, und auch Kleider machen bekanntlich seit jeher Leute. Mangelndes sprachliches Ausdrucksvermögen konnte den schönen Schein allerdings schnell zunichte machen. Mit Blick auf die Inszenierungsspielregeln der Online-Plattformen stellt man derweil fest, dass gerade spärlich bekleidete Körper die meisten Likes aufsichziehen.

 

Darum verwundert es nicht, dass der Blick auf den eigenen Körper kritischer wird; die Selbstprüfung im Selfie-Wettbewerb ist vor allem eine körperliche. Dem Ich verbleibt die Aufgabe, für die Umsetzung von Fitnesszielen, Ernährungsregeln und Kosmetiktrends zu sorgen. Hierzu passt die Häufung von Fitnessprofilen auf Instagram, in denen superstraffe durchtrainierte junge Frauen und Männer über gesundes Essen und Fitness posten. Ihnen ist gemeinsam, dass sie ihre Körper anstelle eines Bezugs zur Umwelt eingesetzen. Die Rolle von Sprache und Sprechen zur Erlangung der Anerkennung des Anderen reduziert sich auf einen kleinen Kontext. Was ein Mensch von seinem Leben erwartet, welche Träume, Wünsche und Ziele er oder sie für sich hat, lässt sich dann mit wenigen Worten sagen: „Ich will diesen Bauch!“

 

Vielleicht ist es nicht übertrieben, dass die eigene Identität heutzutage mehr denn je von der Schaulust der anderen abhängig gemacht wird. Was wäre aus psychoanalytischer Sicht dazu anzumerken? In seinem Buch Körper und Sprache (2012) hat Joachim Küchenhoff den Zusammenhang von Blick und Identität untersucht. Ein psychoanalytisches Verständnis von Körper setzt Küchenhoff zufolge voraus, dass „wir den erlebten Körper als eine Abstraktion, als Produkt eines Loslösungsprozesses begreifen, als ein von der Zwischenleiblichkeit abgeleitetes Sekundärphänomen“. Hieraus wird deutlich, dass sich die Entwicklung beim Menschen vom der konkreten Befassung mit dem Körperlichen wegbewegt. Erst im Alter erzwingt der Körper aufgrund von Gebrechlichkeiten wieder das hohe Maß der Aufmerksamkeit früherer Jahre. Sophokles Drama König Ödipus versinnbildlicht diesen Zirkelgang des Menschseins im Rätsel der Sphinx.

 

In seiner heuristischen Adaption des antiken Dramas gelangte Freud zur Annahme eines universellen Ödipuskomplexes: Demnach komme es im Zuge der Ausrichtung des Menschen am Wort und am Blick des Anderen zum Durchgreifen der symbolischen Ordnung auf die Charakterentwicklung. Damit ist nicht nur die Bereitschaft des Individuums angesprochen, sich an Regeln und Gesetze zu halten, sondern auch die Fähigkeit, seine Affekte wahrnehmen und artikulieren zu können. Der Optimierungsdruck mit Blick auf des vorrangig körperbezogene Selbstbild in Medien, dem sich junge Leute unterwerfen, kann sofern auch eine Verarmung des Affektlebens nachsichziehen. Das Perfekte ist dann automatisch immer gleich der perfekte Körper und alles, was sich auf diesen beziehen lässt. Hiermit wäre allerdings nicht nur ein Lifestyle beschrieben, sondern auch eine moderne Form von Hysterie. MSG

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