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Mo

05

Jan

2015

Die Gefahren der Psychoanalyse

"Flectere si nequeo superos, acheronta movebo". Das Vergil-Motto  setzte Freud der "Traumdeutung" voran. Kann es der Psychoanalyse der Gegenwart die Richtung weisen? Bild: Zeit-Frontispiz aus dem Jahr 2006.
"Flectere si nequeo superos, acheronta movebo". Das Vergil-Motto setzte Freud der "Traumdeutung" voran. Kann es der Psychoanalyse der Gegenwart die Richtung weisen? Bild: Zeit-Frontispiz aus dem Jahr 2006.

Der Analytiker hat dem Analysanten nichts zu bieten als seine Bereitschaft zum Zuhören; er empfängt den Analysanten mit leeren Händen, entlässt ihn jedoch nach jeder Stunde mit Eindrücken mitten aus seinem Leben und dem Gefühl, einen Prozess des Denkens in Gang gebracht und das Wissen von den Bedingungen seines Menschseins erweitert zu haben. Gegenstand der Betrachtung sind dabei immer wieder die großen Erzählungen der Menschheit, die Frage nach den Anfängen des Lebens, nach seinen Ursprüngen und Wandlungen, das Streben nach Glück und Zufriedenheit und dessen regelmäßiges Scheitern.

 

Die Frage, ob eine analytische Kur gefährlich sein kann, läßt sich aus über hundertjähriger Erfahrung beantworten: Sie ist nicht gefährlich für den Analysanten, der aus ihr ein Wissen um seine Existenz gewinnen kann, das ihn in die Lage versetzt, freier und souveräner durchs Leben zu gehen; sie ist jedoch gefährlich für den Machtanspruch etablierter Autoritäten in Familie, Beruf oder Gesellschaft, deren Erwartungshaltungen nun besser hinterfragt und relativiert werden können. Es sind mithin die Zensoren des Denkens, denen die Analyse zur Gefahr wird.

 

Auch außerhalb der analytischen Kur reflektiert Psychoanalyse die Modalitäten des Denkens. Freuds kulturtheoretische Arbeiten über Sexualität, Religion und Kultur sind hierfür berüchtigt. Analytiker und Analytikerinnen nach Freud setzten diese Tradition fort und mischten sich in die gesellschaftlichen Debatten ihrer Zeit ein. Bis heute – mit dem Unterschied, dass ihre Leistungen außerhalb der Psychoanalyse kaum wahrgenommen werden. Während etwa die Philosophie oder die Hirnforschung fester Bestandteil der öffentlichen Debatten ist, fällt die Außenhandelsbilanz der Psychoanalyse mager aus. Woran liegt das?

 

Die öffentliche Meinung verortet Psychoanalyse nicht mehr als eigenständige Forschungsdisziplin und Diskursführerin in gesellschaftlichen Debatten, sondern als eine Psychotherapie unter vielen, deren Anwendungsfeld auf die Behandlung psychischer Störungen beschränkt ist. Zu dieser Eingrenzung ihres Zuständigkeitsbereichs hat nicht zuletzt geführt, dass Psychoanalyse seit 1967 als psychotherapeutisches Verfahren in den Leistungskatalog der kassenärztlichen Versorgung aufgenommen wurde. Dies geriet zu einer Gefahr für die Psychoanalyse: Dem Vorteil, die analytische Erfahrung prinzipiell allen Bevölkerungsschichten zugänglich zu machen, steht der Nachteil gegenüber, dass ihre ursprüngliche intellektuelle Rolle für die Gegenwartskultur in eine Legitimationskrise geraten ist. 


Während in Feuilletonbeiträgen und Radiosendungen Vertreter aus den verschiedensten Fachbereichen zu den Themen der Zeit befragt werden, äußern sich Psychoanalytiker und Psychoanalytikerinnen meist nur über Psychopathologisches wie Burnout oder ADHS. Ergibt sich Gelegenheit, die psychoanalytische Expertise auch auf anderen Themengebieten zu vertreten, wie kürzlich im „Kulturgespräch“ des Deutschlandfunk zum Thema „Was Träume über uns verraten?“, neigen Psychoanalytiker dazu, den Nutzen der Psychoanalyse gegenüber den Fortschritten der modernen Naturwissenschaften zu relativieren oder gar nicht erst herauszustellen. Ihr wichtigstes Werkzeug, die Sprache, erscheint häufig merkwürdig stumpf.

 

Dabei ist die Psychoanalyse gemessen an der longue durée der westlichen Kulturgeschichte ein verhältnismäßig junges Phänomen – und in diesem Sinne noch weitgehend unverstanden. Mit Blick auf Freud kursieren ja allerhand Begriffe, die sogar Eingang in die Umgangssprache gefunden haben – Ödipuskomplex, Kastrationsangst, Penisneid, Wunscherfüllung, Verdrängung, Wiederholungszwang. Allerdings führt die Plastizität dieser Ausdrücke auch zu Missverständnissen und Vorurteilen darüber, was Psychoanalyse eigentlich ausmacht. Hier ließe sich indes ansetzen und der psychoanalytische Beitrag zu den gesamtgesellschaftlichen Themen schärfen.

 

Dessen ungeachtet ist es nicht die freimütige Thematisierung von Sexualität, die Psychoanalyse als Diskursform marginalisiert. Der fortdauernde Skandal, den Psychoanalyse auslöst, ist ihr Umgang mit der Sprache. Ihre Begriffe werden aus der klinischen Arbeit gewonnen und auf allgemeingesellschaftliche Phänomene übertragen. Freuds Blick vom Rand der Gesellschaft, d.h. von ihren Funktionsstörungen in Gestalt von Neurosen, Psychosen und Fehlhandlungen aus auf ihr Zentrum provoziert die Gemüter – eine Provokation, die heutzutage mehr denn je als unangenehm und irritierend wahrgenommen wird. Warum?

 

Ähnlich wie Reinhart Kosellecks Konzept von Geschichte als Kollektivsingular läßt sich mit Blick auf den psychoanalytischen Ansatz sagen, dass die Geschichten, die Menschen einander persönlich oder in sozialen Netzwerken, aber auch in der analytischen Kur erzählen, an der Geschichte, wie sie die gesamte Gesellschaft umfasst, teilhaben. In diesem Sinn birgt Psychoanalyse die Chance, etwas Essentielles über die Bedingungen der Existenz des Menschseins in unserer Gegenwart auszusagen. Im Wettbewerb der Welterklärungsansätze darf Psychoanalyse nicht hinter ihre Rolle gemäß dem Motto aus der Traumdeutung Freuds zurückfallen, das dieser Vergils Änaeis entlehnte: "Flectere si nequeo superos, acheronta movebo". Zu Deutsch: "Wenn ich die Oberen nicht beugen kann, werde ich die Unterwelt bewegen". MSG

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Kommentare: 1
  • #1

    Schulz (Dienstag, 06 Januar 2015 13:04)

    ich fürchte, eine Problematik stellen manche PsychoanalytikerInnen selbst dar. Sei es ein Analytiker, der eine homosexuelle Frau "kurieren" will, sei es eine Analytikerin, die sagt: Bei mir gehen Sie als Heterosexuelle aus der Kur hinaus. Sei es Chasseguet-Smirgel, die sich sich 'von aktuellen gesellschaftlichen Debatten und der "Political Correctness" nicht die psychoanalytische Theorie diktieren lassen wolle'.

    Ich stimme Ihrem Artikel voll und ganz zu! Aber in der Realität schaut es leider manchmal äußerst problematisch aus, denn weder die Theorie noch die Praxis sollten zu einer 'Unifomierung' führen und hier liegen die Gefahren.