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Mo

15

Dez

2014

Wer oder was deutet in der Psychoanalyse?

Wer sagt, wo es lang geht? Cover-Titel der Zeitschrift "The New Yorker" 2005.
Wer sagt, wo es lang geht? Cover-Titel der Zeitschrift "The New Yorker" 2005.

In bezug auf die psychoanalytische Erfahrung wird allgemein angenommen, der Analytiker bzw. die Analytikerin deute, was der Analysand sagt. Diese Vorstellung geht bisweilen in den Irrglauben über, Menschen seien für Analytiker durchschaubar wie Glas. Dabei sind Analytiker gewiss nicht schlauer als andere Menschen. Wer oder was deutet also dann in der analytischen Kur? 


Zunächst gilt: Der Analysant macht die Arbeit. Analytiker hören zu und warten darauf, ob das Unbewusste im Sprechen des Analysanten hörbar wird – zum Beispiel in Gestalt eines Wortvergessens, eines Versprechers, eines plötzlichen Einfalls, eines Irrtums, einer stereotypen Wiederholung, eines nervösen Hustens oder Räusperns u.s.w. Diese Merkmale stellen nicht unmittelbar das Unbewusste dar; möglicherweise verweisen sie jedoch auf einen Mangel an Sinn, auf das Fehlen einer Antwort oder auf eine Unstimmigkeit im Selbstverstehen des Subjekts. Mit anderen Worten tut sich an diesen Stellen etwas auf, das bei hinreichender Neugier den Wunsch nach Sinnverstehen bzw. Deutungen aufkommen läßt. Dieses Sinnbedürfnis zu befriedigen, ist jedoch auch nicht der Zweck der Arbeit des Analytikers. Viel eher geht es darum, in diesem Differenzgeschehen gemeinsam die Dynamik des Unbewussten erfahrbar werden zu lassen.


Für Freud hieß das Deuten eines Traums zunächst einmal „seinen ‚Sinn‘ angeben, [...] ihn durch etwas ersetzen, was sich als vollwichtiges, gleichwertiges Glied in der Verkettung unserer seelischen Aktionen einfügt“ (Freud 1900a, S. 100). Nicht von ungefähr setzte Freud im Zitat das Wort Sinn in Anführungszeichen. Denn es ist nicht gesagt, dass eine psychoanalytische Deutung zu einem befriedigenden Sinn führen muss. Vielmehr stellt sie einen Übersetzungsvorgang dar. In einer später eingefügten Stelle der Traumdeutung nennt Freud vier mögliche Arten des Deutens: Es sei im allgemeinen bei der Deutung eines jeden Traumelements „zweifelhaft“, ob es als Gegensatz, als Ersatz für das Gedächtnis (Reminiszenz), symbolisch oder nach dem Wortlaut genommen werden solle.


Die Diskussion um die Frage der Deutung begleitet die Psychoanalyse seit ihrer Entstehung ausgehend von Freuds Beschäftigung mit der Hysterie und dem Traumphänomen. Noch in den 1920er Jahren erkannten Freud und seine Schüler, dass eine naive Handhabung der Symbolik dem Umgang mit dem Unbewussten in der Analyse nicht gerecht wird. Die Deutung nach dem Wortlaut, die Freud in der Traumdeutung als vierte Deutungsart anführt und die bereits in den Anfängen der Psychoanalyse in Studien über Hysterie (1895) zentral wurde, erfuhr eine intensive theoretische und praktische Ausarbeitung in der linguistisch orientierten Schulbildung der Psychoanalyse. Zugespitzt vertrat Jacques-Alain Miller (1995) die These, die Deutung sei tot, da nur das Unbewusste deute – und nicht der Analytiker. Auch Bruce Fink (2010) argumentiert gegen die Deutung, sofern das Ziel in der analytischen Kur nicht die Beherrschung des Unbewussten durch Bedeutungszuschreibungen sei, sondern die Veränderung als Wirkungserfolg des aufmerksamen Zuhörens durch den Analytiker und des freien Sprechens des Analysanten. Franz Kaltenbeck nennt derweil fünf Gründe, die eine Deutung durch den Analytiker als bisweilen ratsam erscheinen lassen: Die Undurchsichtigkeit des Symptoms, das Genießen der Kastration, die Täuschung des Unbewussten, der Einwand gegen den Diskurs der Meisterschaft und die Nichtkommunikation von lalange – nachzulesen in seinem Buch Lesen mit Lacan (2013).


Die Frage, wer oder was in der Psychoanalyse deutet,  betrifft im Kern jene andere Frage nach dem Wissen, welches im Traum, in der Fehlhandlung, im Symptom bzw. im Sprechen eines Individuums enthalten ist. Die analytische Praxis nimmt sich vor, sich bei der Betrachtung dieser signifikanten Ausdrucksweisen von dem Signifikathörenwollen zu lösen; sie avisiert ein Verständnis für die Umwandlungen, die teils über lange und verschlungene Wege zu dem jeweiligen Ausdruck geführt haben. Die psychoanalytische Kur zielt insofern auf ein Prozessverstehen unbewusster Sinnentstellungen ab. Sie fokussiert u.a. die Rolle des Anderen für das Subjekt, da der Mensch aufgrund der Vorzeitigkeit seiner Geburt für die Genese seiner Psyche von Anbeginn auf die Hilfe des Nebenmenschen angewiesen ist. Mit der Geburt ersetzt die Kultur die zum Überleben unzureichende Naturausstattung des Menschen mit weitreichenden Folgen für dessen Fortentwicklung. Freuds Triebbegriff reflektiert diesen Zustand auf der Schwelle von Natur und Kultur, Soma und Psyche. Mit Blick auf die Frage der Deutung vermied Freud eine Ontologisierung der Triebe, weil er erkannte, dass man Triebwahrnehmungen nur in ihren Repräsentationen erhält.


Triebe haben etwas mit dem psychischen Realen zu tun, sofern der Mensch vom Trieb nicht ‘Pause machen’ kann. Freud sprach diesbezüglich von der Arbeitsanforderung des Körpers an die Seele. Dieser zentrale Punkt wird bei den Bestrebungen in der Schulpsychologie einer Stärkung des Ichs in Richtung auf Autonomie ausgeblendet. Für die Psychoanalyse und ihre Deutungsverfahren wurde demgegenüber wichtig zu verstehen, inwiefern Triebe die gewohnten Bezeichnungen und Repräsentationen außer Kraft setzen und auf diese Weise sinnentstellend wirken. In der analytischen Kur geht es daher auch darum, mit der Materialität der Repräsentationen zu arbeiten, zu spielen oder auch zu rechnen – um neue Zuordnungen herzustellen. In dieser Sichtweise ist das psychoanalytische Verfahren kein hermeneutisches. MSG

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