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Mo

08

Dez

2014

Kann man das Werden des Psychoanalytikers durch Vorschriften regeln?

Freud um 1914
Freud um 1914

Freud um 191413 Jahre nach der Initialisierung des Wunschparadigmas mit dem Erscheinen der "Traumdeutung" im Jahr 1900 bekennt Freud gegenüber dem Pfarrer Oskar Pfister, dass die Mehrzahl der Ärzte für die Ausübung der Psychoanalyse nicht ausgerüstet sei und in ihrer Würdigung völlig versage. Was es braucht, sei psychologische Vorbildung und einen freien menschlichen Blick. Im Analysieren, so könnte man resümieren, komme es vor allem auf Herzensbildung und Menschenverstand an.

 

Wer heutzutage Psychoanalysen nach Freud anbietet, sieht sich nicht selten der Frage gegenüber, ob er oder sie Mediziner sei. Zumindest ein Studium der Psychologie wird erwartet. Doch anstatt ein Diplom oder Ausbildungsinstitut zu zitieren, wäre die einzig richtige Antwort: Nichts davon und alles zugleich. Ausgangspunkt Freuds in der Selbstbegründungsphase der Psychoanalyse war ja gerade dessen Unzufriedenheit mit dem fehlenden Verständnis der Medizin für psychische Phänomene. Seither intendiert Psychoanalyse ein Abweichen von dem, was ohnehin immer schon gilt, war und ist. Anders gesagt, stellt sich Psychoanalyse als Praxis fortwährend die Aufgabe, die Beziehung zwischen Objekt und Wissen anders zu denken. Welcher Fachbereich würde dem genügen?

 

Psychoanalyse nimmt es mit der Universalität des Wissens auf. Sofern gibt es keinen überzeugenden Grund, irgendeine Disziplin vom Zugang zum Beruf des Analytikers fernzuhalten. Ein einzelnes Diplom trüge nur einen Teil des Wissens bei, das zum Verständnis der vielfältigen Beziehungen zwischen Objekt und Wissen erforderlich wäre. Mit Blick auf die Ausbildung zum Analytiker geht es insofern nicht um die Vermittlung eines spezifischen Fachwissens oder Methodenkanons, sondern um die Einübung in den Umgang mit Wissensprozessen, die ihre Bezugspunkte im Unbewussten haben. Dabei ist das Medium des Unbewussten das Sprechen. Denn das neue Feld, das Freud in die Psychiatrie eingefügt hat, ist das der Sprache. Analytiker sind geübt darin, das Sprechen ihrer Analysanten zu stützen; und sie hören ihnen in der Gewissheit zu, dass sie stets mehr sagen, als sie wissen. Es wäre naiv zu glauben, dies sei bloß eine Sache von Fragetechniken.

 

Manche Ausbildungsinstitute verlangen von werdenden Analytikern eine Lehranalyse von bis zu 700 Stunden. Andere Institute fordern sogar 1000 Stunden. Als wäre damit eine Garantie für die Qualität der Arbeit eines zukünftigen Analytikers gegeben. Nicht jedermanns Jahre auf der Couch sind Lehrjahre in Richtung auf das analytische Arbeiten mit Analysanten. Otto Sachs erklärte, keine wesentlichen Unterschiede zwischen Lehranalysen und therapeutischen Analysen gefunden zu haben. Im Zentrum der Ausbildung steht ohne Zweifel die Eigenanalyse. Doch erscheint heutzutage das staatlich garantierte Zertifikat von größerer Bedeutung, und Aspiranten bezahlen den anerkannten Instituten und ihren Ausbildern viel Geld für einen Meisterbrief. Niemand spricht dann noch aus, was mit Blick auf den Diskurs der Analyse gesagt werden müsste: Das Interesse der Analysanten wird nicht durch Zertifikate gewahrt. Sondern durch die Wahl eines geeigneten Analytikers.

 

Die Laienanalyse ist eine Öffnung zur Wissenschaft. Sie läuft über die Linguistik, die Sprachgeschichte, Literatur- und Kunstgeschichte, die Kulturwissenschaft – und nicht, wie Jones meinte, über die Medizin. Gewiss ist es nicht verkehrt, über das Wissen der Medizin zu verfügen, wenn man analytisch arbeitet. Ebenso wenig verkehrt ist es jedoch, über des Wissen von Philologie, Kunstgeschichte, Theologie, Literaturwissenschaften und Biologie zu verfügen. Die Aufzählung ließe sich beliebig fortsetzen, weshalb Freud in "Zur Frage der Laienanalyse" (1926) eine Volluniversität vorschlägt. Im Kern wird dabei deutlich, dass es im Geschehen der psychoanalytischen Arbeit gar nicht um den Einsatz oder Umgang mit einem bestimmten Fachwissen geht. Analysieren hat viel weniger mit positivem Wissen zu tun als mit Nichtwissen. Eingedenk dieser Tatsache richtet sich Kritik gegen den Glauben, das Handwerk des Analysierens ließe sich im Rahmen einer institutionalisierten oder stattlich zertifizierten Ausbildung akkumulieren und in standardisierten Prüfungen abfragen. Das analytische Können basiert auf vielen Dingen, die schlechterdings in Lehrformeln aufgehen. Vermutlich aus diesem Grund verfasste Freud nie ein methodisches Lehrbuch, während sich zahlreiche klinische Erfahrungen und Überlegungen auf sein gesamtes Werk verteilen.

 

Wer an die Tür einer Analytikerin oder eines Analytikers klopft, hat oftmals schon viel unternommen, um ein seelisches Leiden loszuwerden. Freud vergleicht die Einleitung der psychoanalytischen Behandlung mit dem Schachspiel: Wer es „aus Büchern erlernen will, der wird bald erfahren, dass nur die Eröffnungen und Endspiele eine erschöpfende systematische Darstellung gestatten, während die unübersehbare Mannigfaltigkeit der nach der Eröffnung beginnenden Spiele sich einer solchen versagt“ (Freud 1913c). Ungeachtet dessen wird die unübersehbare Mannigfaltigkeit der analytischen Arbeit von einem individuellen Begehren getragen, das sich als Übertragung bemerkbar macht. Das Begehren ist wechselseitig, sofern der Analysant etwas begehrt, und der Analytiker ebenfalls. Was eigentlich begehrt wird, ist die ewige Frage, mit der man in der „Behandlung“ umzugehen versucht. Sich möglichen Antworten anzunähern, eine Sprache dafür zu finden, was Objekt und Bedeutung des Begehrens sei, ist die analytische Kärrnerarbeit des Analysanten. Der Analytiker stellt sich ihm als Objekt des Begehrens zur Verfügung und sorgt dafür, dass dieses ihn den Karren der analytischen Arbeit ziehen lässt.

 

Der Analytiker begehrt seinerseits so etwas wie die Gnade des Analysanten, dafür dass er sein Vertrauen erhält und mit ihm den analytischen Weg geht. Aus dieser Sicht der psychoanalytischen Arbeit wird klar, dass man sie nur schwerlich lehren und schon gar nicht professionalisieren kann. Der analytischen Technik liegt mehr und anderes zugrunde als eine staatlich zertifizierte Ausbildung oder ein Studium vermitteln könnte. Zu einem wesentlichen Anteil ist sie kunstfertiger Umgang mit der Übertragungsliebe, d.h. mit dem Begehren eines anderen. Charakterveranlagung und Lebenserfahrung machen den Analytiker bzw. die Analytikerin genauso aus wie die Eigenanalyse und das Studium der Schriften Freuds und weiterer Autoren. Mit dem Topos der Laienanalyse und der Abkehr von der Medizin als Basiswissenschaft wollte Freud insofern auch dafür sensibilisieren, dass es in der Analyse weniger um Heilen geht, sondern darum, das unbewusste Wissen aufzunehmen, ohne es in eine falsche Richtung zu drängen.

 

Lacan bot in seiner Schule die passe an, um die Frage, was Psychoanalytiker legitimiert, an die Kandidaten zurückzuverweisen. Es liege an ihnen, die Verantwortung dafür zu übernehmen, Analysanten zu empfangen. Eine Delegierung dieser Verantwortung auf Institutionen, Ausbildungsregeln und Lehranalytiker lehnte er ab. Anstelle von staatlich garantierten Zertifikaten steht der Laienanalytiker vor der schwierigeren Aufgabe, sich selbst zu autorisieren. MSG

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Kommentare: 1
  • #1

    Karin (Donnerstag, 11 Dezember 2014 17:41)

    http://www.bbpp.de/TEXTE/laienanalyse.htm
    Alles zum Thema Laienanalyse