WUNDERBLOG RSS Feed

www.wunder-blog.de Blog Feed

Die Formung des Menschen durch Text (Mo, 28 Dez 2015)
>> mehr lesen

Sprachlose Medizin - Über den Wandel eines Berufsbildes (Mo, 21 Dez 2015)
>> mehr lesen

Rätsel Placeboeffekt - steuert Sprache die Biochemie unseres Körpers? (Mo, 14 Dez 2015)
>> mehr lesen

Unbekanntes Wissen (Mo, 07 Dez 2015)
>> mehr lesen

Warum Kernberg irrt - zur Debatte um die Modernität von Psychoanalyse (Mo, 30 Nov 2015)
>> mehr lesen

Das Böse im Bild (Mo, 23 Nov 2015)
>> mehr lesen

Was will Merkel? Führung mit dem kleinen Unterschied (Mo, 16 Nov 2015)
>> mehr lesen

Mo

24

Nov

2014

Grundrechte - die Antithese zum Vorurteil

"Grundrechte 49" von Dani Karavan am Jakob-Kaiser-Haus in Berlin. Foto: Nico Reski
"Grundrechte 49" von Dani Karavan am Jakob-Kaiser-Haus in Berlin. Foto: Nico Reski

Ist Handwerk nur Männersache? Können Frauen tatsächlich nicht einparken? Vorurteile begegnen einem überall, wo es Menschen gibt. Sie gehören wie Klischees und unbewusste Stereotypen zum Alltagsleben dazu. Leider, denn nicht selten führt Vorurteilsbefangenheit zu Wahrnehmungsverzerrungen im Verhältnis zu anderen. Ausgrenzung, Benachteiligung und Diskriminierung sind mögliche Folgen. Wie ließe sich daher das Fehlurteil des Vorurteils vermeiden? Und welche institutionellen Kräfte muss eine rechtsstaatlich orientierte Gesellschaft ausbilden, um ein wirkungsvolles Korrektiv gegen Manipulationen durch Vorurteile zu  etablieren? Was schützt Individuen und Gruppen vor der Macht der Vorurteile?

 

Untersucht man die Logik von Vorurteilen fällt auf, dass durch vorurteilsgesteuerte Sichtweisen Realität schon im Moment des Wahrnehmens verzerrt und verschoben wird. Vorurteile sind wie ein optischer Filter, der uns bestimmte Objekte einseitig gerecht oder ungerecht, gut oder böse, rein oder unrein usw. wahrnehmen lässt. Vorurteile schränken die Wahrnehmung ein und hinterlassen eine Informationslücke. Es entsteht das Bild einer reduzierten Wirklichkeit.

 

Es entsteht das Bild einer reduzierten Wirklichkeit.

 

Doch weshalb verhält sich eine Gesellschaft bzw. verhalten sich Individuen derart     bewusstseinsfeindlich? Grundsätzlich erfüllt das Vorurteil zwei Funktionen: Einerseits verschafft es Halt in der Gruppe und wirkt der Angst vor der eigenen sozialen Ausgrenzung entgegen. Denn indem wir uns der Denk- und Sichtweise eines oder mehrerer Vorurteile unterwerfen, akzeptieren wir die Wahrnehmungswirklichkeit einer Gemeinschaft. Im Gegenzug genießen wir deren Akzeptanz. Erliegen wir beispielsweise der Gruppenüberzeugung, irgendeine Minorität sei deshalb verachtenswert, weil sie krummnasig, ungebildet oder raffgierig sei – verhalten wir uns also konformistisch mit dieser Vorurteilshaltung – so riskieren wir nicht, bezüglich unserer Gruppentreue auf den Prüfstand gestellt zu werden. Das Vorurteil besorgt hier die reibungslose Einpassung in die Staffelung der Subordination und erspart dem Einzelnen den Konflikt der Abweichung und Auflehnung.

 

Vorurteile stabilsieren.

 

Zum anderen wirkt das Vorurteil stabilisierend auf das seelische Gleichgewicht nicht nur von Individuen, sondern gleichfalls auf die Binnenatmosphäre einer Gruppe. Denn auch im kollektiven Geschehen stellen Vorurteile eine beruhigende Urteilsgewissheit her, die eine Gruppe eint, wo eigentlich differenzierender Zweifel angebracht wäre. Vorurteile täuschen eine gefestigte Meinung vor, ohne dass zuvor ein Prozess der Meinungsbildung stattgefunden haben durfte. Die von Vorurteilen gesteuerte Reaktionsbereitschaft behandelt das Objekt dann, als wäre es aus eigener Erfahrung bekannt. In Wirklichkeit sind es jedoch äußerliche Autoritäten, die ein solches Urteil vorgeben. Im Ergebnis verstummt der Zweifel, denn wo Gewissheit herrscht, kann man nicht zweifeln. Diese Einschränkung des Könnens ist der springende Punkt. Das hohe Gut der Freiheit erweist sich daher vor allem als eine Freiheit vom Vorurteil.

 

Das hohe Gut der Freiheit ist vor allem eine Freiheit vom Vorurteil.

 

Doch welche Methoden und Instrumente stehen einer Gemeinschaft zur Verfügung, um diese Freiheit vom Vorurteil zu bewahren? Wie lässt sich vorbeugen, damit Freiheit nicht in eine Freiheit des Stärkeren und Gewaltbereiteren umgedeutet oder als Freiheit einer undifferenzierten, gleichgeschalteten Masse zu freiheitsfeindlichen Zwecken missbraucht werden kann? Vorurteilsgesteuerte Verhaltensweisen scheinen nach einer integeren Gegenkraft zu verlangen, die in der Lage ist, einer die Kritikfähigkeit korrumpierenden Vorurteilslogik Einhalt zu gewähren. Im individuellen, einzelfallbezogenen Geschehen sind es die ichkritischen Praxen Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten (Freud 1914), die es erlauben, sich unbewusster Vorurteile bewusst werden zu lassen und sie zugunsten eines vorläufigen Urteils aufzuheben.

 

Grundrechte – Antithese zum Vorurteil

 

Im gesellschaftsstaatlichen Kontext ist es eine unabhängige, über allem stehende Instanz, die diese Aufgabe wahrnimmt: Die Grundrechtskataloge, wie sie in den Verfassungen moderner Staaten ihren Ausdruck gefunden haben, stellen ein Statut dar, das allen anderen Werten und Normen hierarchisch vorangestellt ist. Grundrechte bilden in diesem Sinn die stärkste Antithese zur Tradition der Vorurteile. Sie sind Ausdruck äußerster Anstrengungen, ihrer innezuwerden und sie zu vermeiden. So formuliert der Artikel 3 des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland: „1. Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich. 2. Männer und Frauen sind gleichberechtigt. 3. Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauung benachteiligt oder bevorzugt werden.“ 

 

Das größte Vorurteil lautet: Alle Menschen sind gleich.

 

Der allgemeine Gleichheitssatz in Art. 3 Abs. 1 GG fordert die Gleichbehandlung aller Menschen vor dem Gesetz.- Gerade diese letztgenannte Nuance ist Merkmal eines differenzierenden Bewusstseins. Der Satz „Alle Menschen sind gleich“ wäre selbst ein Musterbeispiel eines Vorurteils, sofern er Individualismus und Pluralität verleugnet. Georg Orwell hat in seiner Novelle Animalfarm mit literarischen Mitteln gezeigt, wie einige wenige für sich immer den Anspruch reklamieren, ‘gleicher’ zu sein als andere. Eine Unterscheidung aus sachlichen Gesichtspunkten, wie sie das Grundgesetz fordert, ist hingegen notwendig und zulässig, wobei die Grenze unterschiedlicher Behandlung durch die Willkür gesetzt ist.

 

Diese Forderung nach Rechtsgleichheit hat in den Verfassungen vieler Länder eine alle Lebensbereiche durchdringende Position erhalten. Es hat jedoch Jahrhunderte in Anspruch genommen, um diese Einsicht in rechtsverbindlichen Gesetzen zu formulieren. Damit sind moderne Gesellschaften jedoch keineswegs am Ziel angelangt, sofern auch Grundrechte fortlaufend gegen Verdunkelungen durch Vorurteile zu verteidigen sind. MSG

Kommentar schreiben

Kommentare: 0